Vortrag

Die Burg Rötteln Lörrach und die Ästhetik der Ruine in der Literatur

Maja Tolsdorf

Von Maja Tolsdorf

Di, 14. Januar 2020 um 18:09 Uhr

Lörrach

Über "Allegorien der Vergänglichkeit" sprach Alexander Honold in seinem Vortrag im Dreiländermuseum Lörrach. Die Burg Rötteln diente ihm dabei zum Brückenschlag zwischen Literatur und Philosophie.

Nicht gerade leichte Kost hatte der Hebelbund Lörrach für die erste Veranstaltung im neuen Jahr der Reihe "Literarische Begegnungen" ausgewählt. Literaturwissenschaftler Alexander Honold sprach am Sonntag im Dreiländermuseum zum Thema "Allegorien der Vergänglichkeit – Hebel, Benjamin und die Ästhetik der Ruine". Ausgangspunkt war die Burg Rötteln, der das Museum erst kürzlich eine umfangreiche Ausstellung gewidmet hat.

Burg Rötteln als Allegorie der Vergänglichkeit

Eine zentrale Rolle spielt das Röttler Schloss auch in Johann Peter Hebels "Die Vergänglichkeit", ein Werk in alemannischer Mundart, das 1834 erschien und zu Weltliteratur wurde. Es ist ein Gespräch zwischen Vater und Sohn auf der Straße nach Basel zwischen Steinen und Brombach. Auf dieser Strecke starb Hebels Mutter, als er gerade einmal 13 Jahre alt war. Sie hatte es nicht mehr nach Hausen im Wiesental geschafft, wo sie lebte. "Eigentlich hätte das Thema eher in die Jahresendzeit gepasst", meint Alexander Honold, der Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Basel ist.

Tatsächlich stimmt sie nicht gerade hoffnungsfroh, diese Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit, die jeden betrifft. Schließlich geht jeder, ebenso wie der Aetti (Vater) in Hebels Werk, "dem Chilchhof zue", also dem Tod entgegen. Die Ängste des Buben vermag der Zuhörer fast zu spüren, schließlich zeichnet der Aetti mit seinen Worten immer bedrohlichere Bilder, um zu erklären, dass alles vergänglich ist. Er selbst, die Burgruine Rötteln, die Stadt Basel, der Belchen und das gesamte Wiesental. Von verkohlten Landschaften ist die Rede, die der Bub dann einmal aus dem Jenseits von oben betrachten könne.

"Rund 200 Jahre später, in der heutigen Zeit, sind das keine bloßen Gedankenexperimente mehr", Alexander Honold

Eine weitere erschreckende Erkenntnis formuliert Honold so: "Rund 200 Jahre später, in der heutigen Zeit, sind das keine bloßen Gedankenexperimente mehr." Hitze und Trockenheit sorgen für ausgedörrte Natur, Waldbrände für verbrannte Erde und verkohlte Landschaften. Im 18. Jahrhundert seien solche Naturdarstellungen allerdings eher befremdlich gewesen. Doch in "Die Vergänglichkeit" zeichnet Hebel mit Hilfe von Allegorien eben diese für seine Zeit abstrakten Bilder. Zwar findet sich dieses Stilmittel des Barock nicht allzu oft in Hebels Gesamtwerk, doch nutzt er es im Dialog zwischen Bueb und Aetti, um abstrakten Gedanken eine bildhafte Beschreibung folgen zu lassen.

Die Allegorien wiederum nutzt Referent Alexander Honold, um eine thematische Brücke zum Philosophen Walter Benjamin zu schlagen.

Gemäß den einführenden Worten von Hebelbund-Präsident Volker Habermaier zählte dieser zu den "großen Liebenden des Werks Johann Peter Hebels". Mitte der 1920er Jahre hat sich Benjamin in seiner Studie "Ursprung des deutschen Trauerspiels" der Ästhetik der Allegorie in der Theaterwelt gewidmet. In dieser Stilform liege laut Benjamin die "Geschichte als erstarrte Landschaft". In seiner Studie seien zudem Ruine und Allegorie programmatisch miteinander verknüpft. Ebenso hat Hebel der Trümmerstätte um 1811 das Werk "Ruine" gewidmet, in dem er schrieb: "Auch die Erde wird einst Ruine sein unter den Sternen. Der Mond ists vielleicht schon."

Ruinen spielen eine zentrale Rolle

Eine zentrale Rolle haben Ruinen im Kulturschaffen des Barock ebenso gespielt wie global und historisch. "Die Tendenz ins Ruinenhafte hat Menschen über verschiedene Zeiten und örtlich getrennt voneinander beschäftigt", sagt Alexander Honold. Die Burgruine Rötteln hat nicht nur im Spätmittelalter eine bedeutende Rolle für die hiesige Region gespielt, sondern auch in Johann Peter Hebels "Die Vergänglichkeit".