Im Innern der Königin

Das Gespräch führte

Von Das Gespräch führte

So, 17. März 2019

Lörrach

Der Sonntag Die Schweizer Sopranistin Regula Mühlemann widmet sich dem Mythos Cleopatra.

Begleitet vom Dresdner La Folia Barockorchester kommt die Schweizer Sopranistin Regula Mühlemann mit ihrem Cleopatra-Abend in den Lörracher Burghof. Schon 2017 hat sie der sagenumwobenen Ägypterin – und Komponisten, die sie in ihren Bann gezogen hat – ein Album gewidmet. Eine Auswahl der darauf eingespielten Arien hat die preisgekrönte Sängerin jetzt im Gepäck.

Der Sonntag: Frau Mühlemann, in Ihrem Cleopatra-Abend bringen Sie eine Figur auf die Bühne, die vor mehr als 2 000 Jahren gestorben ist, die aber bis heute fast jeder zu kennen glaubt. Was hat Sie an dem Thema gereizt?

Es ist natürlich immer schön, wenn man ein Thema hat, unter dem sich wirklich jeder etwas vorstellen kann. Ich denke, es ist schon deshalb so, weil es das Publikum dann auch entsprechend schneller packt oder mitreißt, und bei mir war es genauso. Das Folia Barockorchester hat mich damals angefragt, ob wir zusammen etwas machen. Es standen verschiedene Thermen im Raum und bei diesem habe ich sofort Feuer gefangen. Bei mir ist das immer so, wenn ich mich für etwas begeistern kann, dann vollumfänglich. Freunde aus Paris haben mich zum Beispiel daran erinnert, dass ich damals gleich vier Stunden in der ägyptischen Abteilung des Louvre verbracht habe. Ich tauche wirklich so weit ein, wie es nur geht, wenn ich merke, da ist etwas, das mich total fasziniert.
Der Sonntag: Cleopatra war ägyptische Königin, sie war der letzte weibliche Pharao und ihr wird alles Mögliche nachgesagt, Schönheit, Klugheit und ein ausgeprägtes Machtstreben…

Die Figur ist an sich natürlich schon sehr interessant. In diesem langen und intensiven Prozess habe ich aber herausgefunden, dass da sehr viel mehr ist als das, was wir beispielsweise von all diesen Filmen kennen. Ganz gleich, ob es nun Cleopatra im Asterix-Film ist oder die von Liz Taylor dargestellte Figur im Spielfilm aus den 60er Jahren: Besonders zum Ausdruck kommt die Regentin, die Intrigantin, die Strategin, die mächtige Frau – eben die Seite der Königin. Was aber die Komponisten extrem beschäftigt hat, war das Menschliche dahinter und die Frage, wer diese Frau sonst noch gewesen sein könnte. Ich glaube, wenn es um Musik geht, dann ist es das, was die Komponisten oder auch die Librettisten interessiert. Was könnte man sonst noch finden hinter dieser Fassade? Also etwa das Verletzliche, Menschliche und was sonst noch alles sehr selten richtig gezeigt wird. Dazu gab es unglaublich viel Literatur.
Der Sonntag: Und alle diese Facetten wollen Sie herausarbeiten?

Absolut. Es geht mir um ein nicht nur oberflächliches, sondern wirklich in die Tiefe hineingehendes Porträt. Die Komponisten haben mir da wirklich ein Buffet eröffnet mit ihrem Material und seiner Fülle. Es gibt um die 80 Opern zum Thema und davon allein 50 im Barock. Entsprechend schwierig war es dann aber auch, sich für tolle Sachen zu entscheiden, einfach, weil es eben so viel Schönes gab. Umgekehrt erleichtert es einem natürlich automatisch, ein wirklich facettenreiches Porträt zu zeigen.
Der Sonntag: Sie haben das Material mit Konzertmeister Robin Peter Müller durchforstet. Welche Kriterien gab es für die Auswahl, in der große Namen vorkommen, aber eben auch weniger bekannte wie Carl Heinrich Graun oder Johann Adolph Hasse?

Sowohl für die Aufnahme auf CD, die wir gemacht haben, als auch im Live-Konzert ist es natürlich wichtig, dass man musikalisch möglichst viele Farben zeigt. Wichtig war also beispielsweise, dass man nicht ausschließlich langsame, tragende Arien auswählt, von denen es viel, viel mehr gab. Man muss ja auch dramaturgisch einen schönen Bogen hinbekommen. Insgesamt haben wir sehr viel Schönes ausgewählt, das Ganze aber auch immer wieder verkürzt. Es gibt dann Bekannteres, wie Antonio Sartorios "Quando Voglio" auf der CD, aber auch Ersteinspielungen, wie das Stück von Giovanni Legrenzi, das auch im Programm vorkommt. Das hat uns jemand in Italien aus einem Archiv herauskopiert und es ist, glaube ich, noch nie eingespielt und aufgeführt worden. Wir fanden es sofort supertoll. 1681 komponiert, ist es das älteste Stück des Programms und trotzdem kommt es wie eine moderne Pop-Ballade daher. Andererseits haben wir einen Händel rausgeworfen für einen Hasse oder einen Graun. Wenn es um Cleopatra geht und um Barock, dann ist ja meistens von Händels Giulio Cesare die Rede. Aber dass es so viel mehr gibt, das war für mich auch erstaunlich.
Der Sonntag: Wie viele Musiker stehen mit Ihnen auf der Burghof-Bühne? Das La Folia-Barockorchester gibt es ja als Kammerversion, aber auch in großer Besetzung. Stichwort "barocke Opulenz".

Es kommt die Besetzung, die wir immer hatten, also 17 Leute. Und die können ganz schön Krach machen ( lacht ), also stellen Sie sich nicht auf ein kleineres Ensemble ein! Aber sie können natürlich auch sehr intim spielen. Wir haben dann auch noch Stücke, bei denen nur eine Harfe mitspielt und ein Cembalo. Das sind alles echte Vollblutmusiker, was natürlich Einfluss auf die Klanglichkeit hat.
Der Sonntag: Welche Rolle spielt das barocke Instrumentarium für Sie?

Was ich sehr lieben gelernt habe, ist seine Geräuschhaftigkeit. Man merkt das vor allem bei den Blas-, aber auch bei den Tasteninstrumenten. Die modernen haben ja kaum noch Tastengeräusche. Die wurden immer mehr reduziert, wahrscheinlich aus ästhetischen Gründen und weil bei den modernen Instrumenten die Mechanik verbessert wurde. Ich finde aber, eben genau das Geräuschhafte hat etwas Emotionales, Bestechendes und Berührendes. Es ist authentisch, und man könnte fast sagen, es hat einen Groove. In meinen Augen ist es wirklich unglaublich, was das für eine Energie erzeugt auf der Bühne. Ich habe einige dieser Arien auch schon mit modernen Orchestern bearbeitet. Im Vergleich ist mir das aber fast zu weichgespült. Ich würde sagen, dem modernen Instrumentarium fehlen einfach die Ecken und Kanten. Das ist alles sehr glatt, sehr poliert, auch sehr schön, aber ich finde, gerade diese Musik braucht unbedingt das Ursprüngliche. Bei Mozart ist es zum Teil vielleicht noch so und später sucht man in der Musik nach anderen Dingen, die einen besonders berühren, besonders nach dem Wohlklang, aber im Barock ist es eben anders. Nehmen Sie zum Beispiel das Fagott am Anfang der Händelarie: Wenn das ein modernes Fagott spielt, dann ist das einfach ein schöner, tiefer, runder Klang. Das barocke Instrument hat aber etwas anderes. Es hat ein Scheppern, ein Knarren und man hat tatsächlich das Gefühl, die Wände fangen an zu zittern, wenn unsere Fagottistin da loslegt.
Der Sonntag: Apropos Scheppern: La Folia bedeutet Verrücktheit, Ausgelassenheit. Wie lässt sich das auf den klassischen Gesang übertragen und wie passt es zu Cleopatra?

Der Name ist beim Orchester tatsächlich Programm und durch die Arbeit mit La Folia hat sich mir das auch näher erschlossen. Wenn man als Sängerin noch näher am Studium dran ist – bei mir ist das auch schon wieder ein paar Jahre her –, sucht man noch nach diesem perfekten Klang, nach der perfekten Technik. Je länger man aber arbeitet, desto freier wird man auch wieder. Das heißt, auf der Basis des Perfekt-singen-Könnens wagt man es auch wieder mehr, sich davon zu entfernen und mehr Farben zu suchen. Robin hat mich zum Beispiel dazu ermutigt, auch einmal einen Schrei loszulassen, wenn es danach verlangt. In dieser Musik ist einfach sehr viel mehr möglich als in späteren Epochen und ich habe sowohl das Ausloten der Grenzen sehr genossen als auch das Über-meine-Grenzen-ein-bisschen-Hinausschießen. Dem Programm tut es, glaube ich, sehr gut, wenn man diesen Mut hat, in die Extreme zu gehen. Mit der Stimme ist eigentlich alles möglich. Man kann von Flüstern bis Schreien das ganze Spektrum nutzen. Was das Instrumentarium kann, das ist mit der Stimme mindestens ebenso gut möglich. Man muss sich nur trauen.

Das Gespräch führteAnnette Mahro
Cleopatra, Burghof Lörrach, 22. März, 20 Uhr. Konzerteinführung um 19.15 Uhr