Kleopatra im Koloraturen-Regen

Annette Mahro

Von Annette Mahro

Mo, 25. März 2019

Lörrach

Regula Mühlemann lässt die ägyptische Königin im Lörracher Burghof musikalisch auferstehen.

Der eindrucksvolle Spagat, ihrer Figur einen ganzen Abend lang ebenso treu zu bleiben wie sich selbst, gelingt dieser Sopranistin mit derselben federhaften Leichtigkeit und Virtuosität, mit der sie auch stimmlich begeistert. Wenn die 33-jährige Regula Mühlemann zum Auftakt ihres Kleopatra-Programms, mit dem sie jetzt zusammen mit dem La Folia Barockorchester (LFBO) im Lörracher Burghof zu Gast war, einen wahren Koloraturen-Regen niederprasseln lässt, dann sind ihr, kaum dass der letzte Ton verklungen ist, die ersten Bravo-Rufe sicher.

Schon beiläufig natürlich ist ihr Umgang mit der sehr kapriziösen Arie "Tra le procelle assorto", die der deutsche Komponist Carl Heinrich Graun 1742 in königlichem Auftrag für seine Oper "Cesare e Cleopatra" erdacht hat. Die von Kritik und Preisjurys gleichermaßen hochgelobte Sängerin aus der Schweiz holt die historische Figur damit gleich zu Beginn von jedem mythosumrankten Podest. Stattdessen bringt sie eine Frau auf die Bühne, die, wäre sie nicht in dieses wallende goldene Gewand gehüllt, das die Interpretin bis zur Pause trägt, ebenso gut im Hier und Jetzt leben könnte.

Grauns Librettist verneigt sich vor der Herrscherin des ägyptischen Ptolemäerreichs und hebt in seiner Arie ihr In-die-Welt-Geworfen-Sein hervor: "Wenn inmitten des Sturms der Reisende ertrinkt, ist nicht der Steuermann schuld, sondern der Wind und das Meer", so die Übersetzung des Einstiegs. Das Dresdner Barockensemble, das im Liveauftritt mehr Raum bekommt als auf der CD, lässt es im Vorspiel denn auch ordentlich stürmen und rauschen, bevor der Star des Abends fast unbemerkt die Bühne betritt.

Dass dem Orchester sehr viel mehr als eine nur tragende Rolle zukommt, wird gleich zu Beginn klar. LFBO-Leiter und Konzertmeister Robin Peter Müller lässt keinerlei Zweifel am eigenen höchsten Anspruch. Das ausgewählte Programm eignet sich dafür, auch wenn es mit allein drei Vivaldis und einem Scarlatti-Rezitativ schon fast über das erhabene musikalische Ziel hinausschießt und eine Spur zu viel an virtuosester Bogenbeherrschung zelebriert. Als Müller dann zur ersten Zugabe die Violine aus der Hand legt und zum Tamburin greift, erregt das die entsprechende Heiterkeit im Saal.

Sie können indes auch anders, wie unter anderem Giovanni Legrenzis Arie "Se tu sarai felice" (Bist Du glücklich) belegt. Regula Mühlemann wird diesmal nur von Gambe, Cello und Harfe begleitet und singt das kurze im Hochbarock komponierte Stück, entsprechend leiser ansetzend ruhig, sehr anrührend und mit glasklarem Timbre. Ins Spätbarock entführen Orchester und Sängerin ihr Publikum dann nach der Pause mit zwei Arien von Johann Adolf Hasse, einem zu Unrecht vergessenen Superstar seiner Zeit. Mozart soll gesagt haben, er wolle dereinst so berühmt werden wie Hasse. Eine Kleopatra ganz ohne Händel wäre indes nicht denkbar gewesen, und so kommt wenigstens "Che Sento, Oh Dio" aus "Giulio Cesare in Egitto" von 1724.

Von echter Leidenschaft ergriffen wird die Königin aber bei Francesco Geminianis "La Follia" (wilde Fröhlichkeit). Hier fühlt man sich plötzlich in eine andere Welt versetzt. Anstelle der Theorbe kommt eine barocke Gitarre zum Einsatz. Alles wird extrem expressiv bewegt, die Geigen scheinen sich in einen Wettstreit zu stürzen, und bald hält es auch das Publikum kaum mehr auf den Plätzen. Und wenn dann auch kurz vor Schluss und außer Programm noch Antonio Sartorios "Quando Voglio" (Wenn ich will) kommt, in dem die Königin zur fröhlich selbstbewussten Verführerin wird, dann wären alle wohl gerne noch sehr viel länger geblieben.