Mehr als Recycling

Gerd Leutenecker

Von Gerd Leutenecker

Sa, 11. September 2021

Bad Säckingen

BZ-SERIE:Das AWO-Kaufhaus in Wallbach bietet gebrauchte Ware zum kleinen Preis – und Jobs für den Wiedereinstieg ins Arbeitsleben.

. Für die Tonne! Oder doch nicht? Vom Hochrhein bis zum Hotzenwald gibt es viele Menschen und Projekte, die für Altes und scheinbar unbrauchbar Gewordenes eine neue Lösung finden, anstatt es in den Müll zu kippen. Unsere kleine Serie "Aus alt mach neu" stellt einige ihrer Ideen vor. Heute an der Reihe: das AWO-Kaufhaus in Wallbach.

Nachhaltigkeit hat stets eine soziale Komponente und umfasst auch Wirtschaftlichkeit und den Umweltgedanken. Im AWO-Kaufhaus in Wallbach werden Second-Hand-Waren, gebrauchte Gegenstände oder Überproduktionen in den Warenwirtschaftsprozess gebracht – das ist mehr als Recycling. "Eine Weiternutzung im Warenkreislauf ist auch eine häufig mögliche Verlängerung. Nicht alles muss gleich auf den Lachengraben", sagt Jürgen Albiez, Leiter des AWO-Kaufhauses.

Nach mehr als zwei Jahren ist das AWO-Kaufhaus in Wallbach etabliert. In dreifacher Hinsicht sind die Erwartungen an das Sozialprojekt erfüllt worden. Als Sozialkaufhaus konzipiert, soll es unter einem Dach die Wiedereingliederung von Menschen in das Arbeitsleben ermöglichen, eine günstige Einkaufsmöglichkeit sein und einen Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten.

Manches, was Albiez erzählt, klingt ernüchtern: "Gute Töpfe fehlen uns chronisch. Pfannen kommen morgens rein und sind am Abend bereits verkauft", sagt er. Andererseits lande eigentlich Nutzbares in den Alteisen-Containern der landkreiseigenen Recyclinghöfe. Er rechnet vor: Für eine Pfanne, die im AWO-Kaufhaus für 2,50 Euro über den Ladentisch geht, müssten online auf entsprechenden Portalen rund 15 Euro berappt werden. Etwas mehr Sensibilität wünscht sich Albiez von den Bürgern mit Blick auf die Frage, was andernorts weiterverwendet werden kann und zu schade ist für den Müll.

Morgens wird die Ware an der Annahmestelle sortiert. Im Laufe der Zeit seien zusehends bessere Güter abgegeben worden, etwa bei den TV-Geräten. Zwei Kuriositäten sind dem Team um Albiez in Erinnerung geblieben. Gleich mit elf Anzügen kam ein Geschäftsmann zur AWO. Er müsse sich jährlich neu einkleiden – endlich habe er guten Gewissens einen Abnehmer. Extra gereinigt, modisch top und bester Güte waren die gespendeten Anzüge rasch verkauft. Nach einer Haushaltsauflösung wurde an die Rheinvogtstraße eine hochwertige vollständige Heimwerkerwerkstatt geliefert. Innerhalb einer Woche hatte alles im Einzelverkauf neue Eigentümer gefunden. Legendär sind überdies die Tupperware-Regalreihe und die Reisekoffer. Nach dem Sommer sind von diesen viele ausverkauft.

Der Kundenstamm ist im AWO-Kaufhaus gewachsen, das Bewusstsein für nachhaltiges Wirtschaften hat neue Stammkunden mit sich gebracht. "Wir haben von Anfang an nicht nur Menschen mit schmalem Geldbeutel angesprochen", berichtet Albiez.

Im Warenkreislauf steht die Nachhaltigkeit im Vordergrund. 14 Arbeitsplätze werden zusammen mit der Jobagentur angeboten. Das war für die AWO der eigentliche Gründungsausgangspunkt, so Albiez. Mit zehn Ehrenamtlichen hat das AWO-Kaufhaus von Anfang an auf Qualität gesetzt. Profis aus dem Einzelhandel, die ihr Können im Rentenalter weitergeben, stehen im Hintergrund parat.

Leider fehlt es derzeit an einem versierten Elektroniker, der die Funktions- und Sicherheitsprüfungen der gespendeten Elektroartikel übernimmt. Deshalb sind im Lager aktuell zahlreiche Elektroartikel auf Halde. "Das braucht Zeit und Kenntnisse", sagt Albiez. Computer und weitere Hardware untersucht er selber. Der absolute Renner war ein 3D-Drucker. "Alle Mitarbeiter sind daran geschult worden – das sind Kenntnisse für die Zukunft", meint Albiez.

Neben Haushaltsartikeln wie Töpfen und Pfannen fehlen derzeit gute Schuhe und Winterbekleidung für Männer. Auch bei Mode- und Dekoartikeln ist die Nachfrage groß. Für Möbelstücke wird auf das AWO-Kaufhaus in Rheinfelden verwiesen, in Wallbach ist dafür zu wenig Platz.

Spendenannahme im AWO-Kaufhaus, Rheinvogteistraße 19, in Wallbach ist von Dienstag bis Freitag zwischen 10 und 14 Uhr. Das AWO-Kaufhaus Wallbach ist mittwochs bis freitags von 10 und 18 Uhr, jeden Samstag von 9 bis 14 Uhr geöffnet.