Berlins Senat war auf den Mauerfall 1989 vorbereitet

Johannes Gernert

Von Johannes Gernert

Mi, 28. Oktober 2009

Deutschland

Was wie das Resultat einer Panne wirkte, hatte einen langen Vorlauf: Der Berliner Senat hatte den Ansturm der Massen nach dem Mauerfall erwartet

Er braucht eine Weile, bis er den richtigen Zettel erwischt. Er kramt in dem Papierstapel. Ein Mitarbeiter hilft Günter Schabowski suchen. Schabowski kratzt sich am Kopf, setzt die Brille auf und liest vor. Er bemüht sich, alles beiläufig aussehen zu lassen. Es dauert einen Augenblick, bis die Korrespondenten im Pressezentrum kapieren, was das Politbüromitglied der SED gerade gesagt hat: Die DDR gewährt ihren Bürgern Reisefreiheit. Ab wann? "Sofort, unverzüglich" gelte das, verkündet Schabowski, "meines Wissens".

Als wüsste er es selbst nicht so genau. Als wäre es nicht das Kalkül des Politbüros, durch die Öffnung der Mauer das aufgebrachte Volk zu besänftigen. Es ist der 9. November 1989. Der Tag, an dem die Mauer fällt. Schabowski ist der Mann, der sie mit seinem Zettel umstürzt. Plötzlich und unerwartet.

So sieht das im Nachhinein aus, im Jahr 2009, in den Geschichtsbüchern. Günter Schabowski wirkt wie ein Aufseher im großen Gefängnis DDR, der versehentlich den falschen Knopf gedrückt hat. Den, der alle Tore öffnet. Jahrzehnte deutscher Teilung enden mit dem Verlesen eines Zettels. Auf den Bildern von jener Pressekonferenz sieht Schabowski aus, als hätte er das alles nicht mehr unter Kontrolle.

Danach kommen in den Geschichtsbüchern die Bilder mit den Sektflaschen, Trabischlangen an Grenzübergängen, Menschen auf der Mauer, freiheitsselige Gesichter. Das ist der 9. November im Gedächtnis der Deutschen: eine historische Wendung, die in diesem Moment die Stadt, das Land und die Welt überrascht. Es ist eine schöne Erinnerung. Aber eine mit Lücken. Die Mauer fiel sanfter, als heute viele denken. Apparatschiks Ost und Bürokraten West fingen die Wucht des Sturzes ab, eine ungewohnte Zusammenarbeit lange vor der Vereinigung.

Man muss vom 9. November aus genau elf Tage zurückspulen, um zu den Bildern zu gelangen, die im gemeinsamen Gedächtnis fehlen. Darauf ist wieder Günter Schabowski zu sehen. Diesmal sitzt er im Rosensalon des Ostberliner ...

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