Stilfrage: Sagen Sie, was Sache ist

Elisabeth Bonneau

Von Elisabeth Bonneau

Sa, 16. November 2019

Stilfrage

Eine Bekannte gratuliert mir überraschend zum Geburtstag. Sie hatte sich, als wir über das Thema sprachen, meinen Termin gemerkt, ich mir ihren nicht. Peinlich. Kann ich ihr das beichten?

Sie können natürlich die Sache als Bagatelle abtun ("Was ist schon ein Geburtstag?") und einfach gar nichts machen. Eine unangenehme Angelegenheit und das mit ihr einhergehende Unwohlsein unter den Teppich kehren, das geht immer. Die Erfahrung zeigt jedoch: Über Unrat unter dem Teppich stolpert man leicht.
Vielleicht ist der Dame ihr Geburtstag nicht wichtig, und an die Erwähnung des Datums waren keinerlei Erwartungen geknüpft. Ein Leser schilderte kürzlich, dass eine Bekannte seinen Versuch zu gratulieren sogar von sich wies: "Ich habe nie Geburtstag. Nie!" Ich riet ihm, stillschweigend und gnädig das Datum aus seinem Kalender zu streichen. Damit auch diese Dame nach ihrer Fasson selig werden kann.

Sollte hingegen Ihre Bekannte im Lauf des Jahres erneut ihren Geburtstag erwähnen, würden Sie hellhörig den Wunsch, dass Sie sich den Termin merken, erkennen. Sie würden ihn flugs im Kalender eintragen, idealerweise mit dem Geburtsjahr, damit Sie künftig die besonderen Erinnerungstage besonders würdigen.
Aber im Augenblick wissen Sie gar nichts. Vergessen können Sie das bestimmt auch nicht. Sie würden die Bekannte beobachten und jeden Misston auf Ihr Missgeschick beziehen; Ihre Gedanken wären nicht frei. Drum: Sagen Sie ihr lieber, was Sache ist – wie Sie es mit Sicherheit tun, wenn Sie ein Geburtstagsdatum kennen, aber vergessen haben zu gratulieren. Das tun Sie jetzt möglichst bald, um die Chance zu erhöhen, den diesjährigen Geburtstag der Dame noch zu erwischen. Die Dame wird sich nicht nur über Ihren Dank und Ihre Freude über die Gratulation freuen, sondern auch über Ihre Ehrlichkeit. Für freundliche Offenheit ist es selten zu früh, aber manchmal zu spät.
Die Autorin ist Kommunikationstrainerin
und lebt in Freiburg.