UNTERM STRICH: Das Ende einer Herrenbastion

Eckhard Stengel

Von Eckhard Stengel

Sa, 26. Oktober 2019

Kolumnen (Sonstige)

Die Bremer Eiswette öffnet sich nach 190 Jahren auch für Frauen / Von Eckhard Stengel.

Eiswettessen – das klingt nach Kindergeburtstag. Doch das alljährliche Festmahl der Bremer "Eiswette von 1829" ist kein Eis-Wettessen, sondern ein Eiswett-Essen und war bisher nur für ältere Jungs gedacht: für bis zu 800 Kaufleute und Honoratioren pro Jahr, darunter Konzernchefs, Bundespräsidenten und Kanzler – wenn sie Männer sind. Frauen mussten bislang draußen bleiben. Doch nach 190 Jahren ist es nun vorbei mit der Herrlichkeit: Eiswett-Präsident Patrick Wendisch verkündete jetzt in der Zeit, dass von 2020 an auch Frauen zugelassen sind.

Jahrelang hatten sich die Veranstalter mannhaft gegen Forderungen nach Gleichberechtigung gestemmt. "Wir sind ein Herrenclub, machen diesen Gender-Gaga nicht mit. Selbst der Papst würde nicht eingeladen, wenn er eine Frau wäre", hatte Wendisch noch im Januar getönt. Damals hatte sich die Honoratioren der Eiswette geweigert, statt des verhinderten Bürgermeisters seine Stellvertreterin einzuladen. Das empörte die damalige rot-grüne Bürgerschaftskoalition dermaßen, dass sie eine Resolution gegen den Frauenausschluss verabschiedete: Kein Bremer Politiker solle mehr an der Eiswette teilnehmen.

Vielleicht war das der Auslöser für den Sinneswandel. "Wir wollen, dass so ein tolles Fest nicht weiter durch so eine Frage belastet wird", begründete Wendisch das Einlenken im Weser-Kurier. Die künftig auch weiblichen Gäste sind allerdings nicht unbedingt zu beneiden. Acht Stunden lang müssen sie an rund 50 dicht bestuhlten runden Tischen ausharren. Neben Grünkohl und Pinkelwurst konsumieren sie eine "Deutschland- und Bremen-Rede". Erst zur Halbzeit gibt es eine einstündige "Raupipau": eine Rauch- und Pinkel-Pause als günstige Gelegenheit, politische und geschäftliche Kontakte zu knüpfen – wohl der Hauptgrund für Frauen, weshalb auch sie dabei sein möchten. Wer weiß, wie viele Geschäfte beim kleinen Geschäft auf der Herrentoilette bereits angebahnt wurden. Ob das auch mit Frauen-Kabinen klappt?