UNTERM STRICH: Der Advent als VIP-Show

Stefan Scholl

Von Stefan Scholl

Mi, 04. Dezember 2019

Kolumnen (Sonstige)

In Russland kommen erst an Silvester Politik und Fest zusammen / Von Stefan Scholl.

Advent findet in Russland eigentlich nicht statt. Die orthodoxen Gläubige füllen keine Kinderstiefel oder Pappkalender mit Süßigkeiten, um sich auf die russische Weihnacht am 7. Januar einzustimmen. Sie fasten. Viele Feiern dagegen drehen sich um das Neujahrsfest mit seiner eher heidnisch-sowjetischen Tradition. Schon im Dezember steigen die ersten Jolkas: Tanzfeste für Kinder, die dabei von Väterchen Frost auch mit reichlich Süßwaren beschert werden. Es gibt auch Jolkas im Kreml, aber sie sind nicht gedacht, um möglichst viele russische Kinder im trauten Kreis um Staatschef Wladimir Putin zu vereinen. Sie sind kommerzielle Shows ganz ohne Landesvater. Karten für den ersten Reigen am 24. Dezember sind ab 40 Euro zu haben.

Putin tritt vorher bei seiner alljährlichen Pressekonferenz auf, mit über 1700 akkreditierten Journalisten vergangenes Jahr durchaus monumental. Aber da präsentiert er sich als topkompetenter, schlagfertiger Kommunikator und nicht als Weihnachtsmann der Nation. Seine alljährlichen Neujahrsempfänge handelt die Presse nicht unter Politik, sondern unter Society ab. Vergangenes Jahr lud der Präsident ins Bolschoi-Theater, wo er sich gemeinsam mit Patriarch, Premierminister und anderen VIPs aus Bürokratie, Wirtschaft oder Showgeschäft Tschaikowskis Nussknacker-Ballett anschaute.

Erst Silvester kommen Fest und Politik zusammen. Die letzten Minuten des Jahres gehören Putin, der fast auf allen TV-Kanälen zum Volk spricht. Per Videoaufzeichnung erinnert er die Russen an ihre christlichen und nationalen Tugenden, an die vergangenen Siege oder überwundenen Schwierigkeiten, an die kommenden Herausforderungen. Und er beschwört die nationale Einheit. Das ist das zentrale patriotische Evangelium im Jahreskreis. Kaum hat der Präsident dem Vaterland gratuliert, schlagen die Glockenspiele des Kremls Mitternacht. Jubel bricht aus, Feuerwerke werden gezündet und Hunderte Millionen Russen umarmen ihre Liebsten und die Nachbarn.