UNTERM STRICH: Der Gott des Rotweins

Stefan Hupka

Von Stefan Hupka

Sa, 23. November 2019

Kolumnen (Sonstige)

Wie Württembergs Protestanten der Jugend von heute imponieren wollen / Von Stefan Hupka.

Der technische Fortschritt ist eine feine Sache. Schade nur, dass man dabei allmählich das Staunen verlernt. Wenn Roboter einem die Hand schütteln, Handys den Weg durchs Unterholz wissen und Autos von alleine einparken – so what, gähnen da schon Heranwachsende. Zeiten, in denen einer umherzog und mit Wundern Massen beeindrucken konnte, sie scheinen dahin. Sieht man von Frau Thunberg ab, die, Wunder, überall zugleich ist, oder einem Herrn Merz, der, Wunder, eine im Tiefschlaf schnarchende Partei aufgeweckt hat. Die Kirche aber scheint sich heute selbst nicht mehr sicher, ob die Wunder, mit denen ihr Religionsgründer einst Furore gemacht hat, Absicht waren oder ihm, tja, mehr oder weniger passiert sind. Auf den Gedanken kann man beim Betrachten eines Werbeclips kommen, den die Evangelische Landeskirche in Württemberg hat drehen lassen und der jetzt in die Kinos kommt.

Da sieht man einen Mann, Langhaar, Vollbart, eine Cocktailbar betreten und einen Drink bestellen. So sehr sich der versierte Mixer müht – in der Hand des geheimnisvollen Gastes und zu dessen Enttäuschung wandelt sich das Getränk augenblicklich in dunklen Wein – "tinto", wie wir Weitgereisten sagen. Am Ende sieht man ihn im Bademantel beim Zähneputzen, und selbst das Wasser im Glas färbt sich: tinto. Worauf er einen genervten Blick gen Himmel schickt. "Er hätte gern die Wahl gehabt! Du hast sie!", liest man, und: "Am 1.12. ist Kirchenwahl".

Gotteslästerung? Bild zitiert zwei gekränkte Pfarrer: "Was uns Gläubigen heilig ist, wird hier in unsäglicher Weise verhöhnt." Kirchensprecher Oliver Hoesch dagegen beteuert, man habe "bis auf ganz wenige Ausnahmen sehr positive Reaktionen". Man wolle Menschen erreichen, die nicht regelmäßig zur Kirche gehen. Und er erinnert nochmal an die Hochzeit von Kanaan, Jesus’ Wunderdebüt, bei dem er Wasser in vorzüglichen Rotwein verwandelt haben soll. Eine solche Großtat zu später Stunde könnte selbst der partywütigen Jugend von heute imponieren.