UNTERM STRICH: Kein Essen, kein Glücksgefühl

Katja Bauer

Von Katja Bauer

Mo, 24. Juni 2019

Unterm Strich

Manche Leute erleben große Euphorie beim Fasten – aber eben nur manche / Von Katja Bauer.

Neulich aß ich nichts. Das ist an sich schon ein komischer Satz, um ihn überhaupt irgendwohin zu schreiben. Wobei es ja Menschen geben soll, die durch den Verzicht aufs Essen von einem riesigen Glücksbotenstofftsunami überschwappt werden. Sie fasten, atmen tief, trinken Tee in allen Farben, liegen des Nachmittags mit Leberwickel zu Bette und spätestens an Tag vier ist praktisch das ganze Leben ein anderes: Dann sind sie wach, beweglich, frisch und schlau. Sie können 20 Bücher am Tag lesen, brauchen praktisch keinen Schlaf mehr und erlangen eine höhere Einsicht nach der anderen. Sie nennen es das "Fastenhigh". Es soll ja auch Menschen geben, die stundenlang durch den Wald rennen und davon glücklich werden.

Jedenfalls aß ich nichts, und zwar lange Zeit, nämlich neun Tage (und Nächte, das sollte man nicht außer Acht lassen, denn auch der Verzicht auf ein potenzielles spontanes Mitternachtsgelage ist schließlich ein Verzicht). Es war nicht schlimm oder so. Kein Hunger, keine Schwäche.

Nur spürte ich auch keinerlei Euphorie, nicht einmal in den nächtlichen Träumen, in denen sich lange Tafeln unter güldenen Aufsätzen, erlegten Fasanen und überbordenden Fruchtschalen bogen. Allenfalls registrierte ich einen kleinen Hang zur Übertreibung, der sich Bahn zu brechen schien.

Ich hatte viel Zeit. Ich räumte die Küche penibel auf, kochte anschließend zehn Liter Tomatensoße ein und wiederholte den Vorgang. Ich sortierte Vorräte erst nach dem Alphabet und dann nach Kalorien und las insgesamt ganz genau 113 Kochbücher, manche davon zwei mal.

Der mit Abstand klarste und gleichzeitig wiederkehrende Gedanke kreiste in dieser Zeit um die Glaubensfrage, ob man die Creme auf einer Tarte au Citron mitbacken soll oder nicht.

Ich gelangte zu der salomonischen Antwort, dass in Notfällen beide Lösungen akzeptabel wären. Dann war das Fasten vorbei. Welch’ ein Glück.