UNTERM STRICH: Waldtypische Gefahren

Michael Saurer

Von Michael Saurer

Fr, 12. Juli 2019

Kolumnen (Sonstige)

Ein Radler stürzt im Wald – und will Schmerzensgeld von der Gemeinde / Von Michael Saurer.

Um die Bundeswehr ranken sich zahlreiche Mythen. Eine solch’ wundersame Erzählung betrifft die sogenannte Zentrale Dienstvorschrift, die in Abschnitt 3/11 besage: "Ab einer Wassertiefe von 1,20 Meter nimmt der Soldat selbständig Schwimmbewegungen auf."

Ob es diese Vorschrift jemals gegeben hat, erscheint zweifelhaft. Amüsant ist die Geschichte dennoch – allein schon wegen der Tatsache, dass man es den Bürokraten dieses Landes ja durchaus zutrauen würde, eine solche Vorschrift zu erlassen. Es gehört nämlich zum Markenkern dieses Standes, sich gegen möglichst alle Eventualitäten abzusichern, nur um dann fein raus zu sein, wenn doch einmal etwas passieren sollte. Und um die am Wickel zu haben, die gegen die Vorschriften verstoßen.

Nun ist das nicht nur die Schuld der Beamten, sondern auch die der übrigen Bürger, die nämlich immer dann Zeter und Mordio schreien, wenn sie selbst Schaden erleiden. Stolpert jemand über einen hochstehenden Gullydeckel, könnte man ja sagen, dass er halt besser Obacht geben muss. Aber tatsächlich ist es doch oft die Stadt, die dann für Schmerzensgeld aufkommen muss.

In der Natur ist das anders. Dort dürfen noch Gefahren lauern, wie das Oberlandesgericht Köln nun festgestellt hat. Damit hat die Kammer die Klage eines Radfahrers zurückgewiesen, der mit seinem Mountainbike einen steilen Waldweg in der Eifel herunterbretterte, dabei stürzte und dann die Kommune verklagte, auf deren Gemarkung das Waldstück liegt. Eine quer über den Weg verlaufende Hangsicherung durch Holzstämme habe wie eine "Sprungschanze" gewirkt.

Hat die Gemeinde nun ihre Verkehrssicherungspflicht – auch so ein tolles Wort – verletzt? Nein, urteilen die Richter. Es handle sich bei der Stufe um "waldtypische Gefahren". Sprich: Im Wald muss man mit Unebenheiten, Wurzeln und Stufen rechnen. Vielleicht war der Radfahrer ein Soldat und ihm eine derartige Dienstvorschrift einfach nicht bekannt.