Glosse

Warum wird ein Song zum Ohrwurm?

Stefan Hupka

Von Stefan Hupka

Do, 21. November 2019 um 13:57 Uhr

Rock & Pop

Was macht einen Song zum Popsong? Das ist nicht schwer zu erraten: ein positives Gefühl, sobald er erklingt. Menschen mögen Popsongs, aber warum? Forscher wollten dies herausfinden.

Bei je mehr Menschen dieses Gefühl, desto Pop (populär) der Song. Am Dauerhit Nummer eins hierzulande lässt sich das belegen, dem Badnerlied. Dessen Tonfolge (da-da-da-da-da da dadada) lässt richtige Patrioten noch im Tiefschlaf hochschnellen und freudig Haltung annehmen. Nicht umsonst bietet der Fachhandel einen Badnerliedwecker an, aber nur hier und nicht im Württembergischen, weil er dort die Garantiezeit meist nicht übersteht.

Aber was genau in der Tonfolge eines Popsongs ist es, das solche Gefühle weckt? Es wird so vieles erforscht, warum nicht auch einmal das – dachten sie sich am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. Und so erforschten sie jetzt einmal 80 000 Akkorde aus 750 Popsongs, die es zwischen 1958 und 1991 in die amerikanischen Hitparaden geschafft hatten.

Erst errechnete ein Computer, wie wahrscheinlich bestimmte Akkordfolgen waren und je nach Kontext erwartbar oder überraschend. Dann spielte man sie in gehäckselter Form – so dass die Songs nicht mehr erkennbar waren – 40 Probanden vor. Die mussten nach jedem Akkord angeben, wie angenehm sie ihn fanden. Schließlich schob man die Studenten in die MRT-Röhre und achtete auf Ausschläge ihres Nucleus accumbens. Das ist der Ort im Gehirn, wo Glücksgefühle entstehen – der Thrill, wie Fats Domino sagen würde. Resultat: Menschen empfänden Songs angenehm, die eine Balance zwischen dem Wissen, was als Nächstes kommt, und etwas Unerwartetem hätten.

Beim Badnerlied ist das die Stelle, wo es unerwartet heißt, "im Schwarzwald schöne Mädchen", aber man weiß, was als Nächstes kommt: "Ein Badner möcht’ ich sein". Und was stellt man an mit so einem Wissen? Damit könne man, sagen die Forscher, Computern Komponieren beibringen. Das gibt es doch längst, dachten wir. Es heißt "Modern Talking" und der Programmierer ist ein gewisser Bohlen.