Wahl in Thüringen

Die Anfänge sind längst gemacht – und keiner schreit auf

Hansjörg Noe

Von Hansjörg Noe (Steinen)

Sa, 15. Februar 2020

Leserbriefe

Zu: "FDP stellt Regierungschef dank AfD", Agenturbeitrag (Politik, 6. Februar)


Man kann es kaum glauben: Die bürgerlichen Abgeordneten der CDU und der FDP wählen gemeinsam mit der AfD den Ministerpräsidenten von Thüringen, und niemand ist verantwortlich, weder der Parteivorsitzende Lindner noch der Bundestagsvizepräsident der FDP, Kubicki, weil es eine demokratische, geheime Wahl war. Auch die CDU duckt sich weg, obwohl das Gekuschel der thüringischen CDU mit der AfD nach der Landtagswahl 2019 bereits bekannt war.

Die Bürgerlichen haben nach 1930 auch so gehandelt: "Es wird alles nicht so schlimm, wir behalten sie im Griff". Die NSDAP nannte die bürgerlichen Parteien der Weimarer Republik Systemparteien. Das macht die AfD heute auch. Jeweils wollte man sie überwinden. Die Bürgerlichen haben alles toleriert, nur nicht die Linken, so wie heute. So wurden gemeinsam nach dem Ermächtigungsgesetz 1933 die Linken, SPD und KPD verboten.

Damals war die Angst vor wirtschaftlicher Not groß, genauso wie heute. Auch die Fremden waren suspekt, genauso wie heute. Da kommen doch die Richtigen, die Rechten, und wir verstecken uns dahinter. Wehret den Anfängen, heißt es. Die NSDAP hatte in Thüringen 1930 prozentual weniger Stimmen als die AfD in der Wahl 2019. Die Anfänge sind also längst gemacht. Und keiner schreit auf. Man wird später sagen: "Wir haben nichts gewusst", so wie in der Bundesrepublik nach 1945. Hansjörg Noe, Steinen