Politische Organisation BDS

Es wird die Besatzungspolitik Israels kritisiert – und nicht die Juden allgemein

Ulrich Greder

Von Ulrich Greder (Freiburg)

Fr, 12. Juli 2019

Leserbriefe

Zu: "Ein Verrat an der Geschichte der Juden", Interview von Anja Reich mit Eva Illouz (Kultur, 25. Juni)

Man darf von den Bundestagsabgeordneten einen gewissen Grundstock an historischem und politologischem Allgemeinwissen voraussetzen: Der sogenannte Judenboykott der Nazis hat Menschen diskriminiert bis zur Negation ihres Menschseins; hat sie ihrer Menschenrechte beraubt. Gewalt gegen Menschen und Sachen war das herausragende Kennzeichen dieses "Boykotts". Er richtete sich gegen alle Juden. Hier erreicht die Ideologie des Antisemitismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts seine letzte Konsequenz: Völkermord in einem nie gekannten Ausmaß.

Der Boykott durch BDS (boycott, divestment and sanctions) gegen Israel richtet sich gegen eine Politik des Likud-Blocks und nicht gegen alle Juden. Es geht um die Durchsetzung von Menschen- und Völkerrecht. Der Boykott will Menschen (Palästinensern, Beduinen, Drusen...) zur Anerkennung ihrer Rechte verhelfen. Es wird die Besatzungspolitik Israels kritisiert und nicht die Juden allgemein. BDS ist eine zivilgesellschaftliche, gewaltlose und aufklärerische Aktion. Insofern steht BDS in der Tradition von Boykottmaßnahmen, wie wir sie in vielen Bewegungen kennen, etwa der Bürgerrechtsbewegung in den USA, der Unabhängigkeitskampf in Indien, Antiapartheid in Südafrika.

Die Drucksache des Bundestages (19/10261) ist Ergebnis eines unsachgemäßen Vergleichs, der nur auf Unkenntnis der historischen Tatsachen beruhen kann – oder bewusster Verneigung vor der israelischen Regierung des rechtsgerichteten Likud-Blocks. Dass dabei auch sehr viele kritisch eingestellte Israelis und Juden und die überwältigende Mehrheit der Palästinenser weltweit in einen Antisemitismus-Vorwurf aus Deutschland hineingenommen werden, zeigt wohl das geistige Chaos und die ideologische Verblendung einiger Mandatsträger.

Nebenbei: Ich halte nichts von den Boykottmaßnahmen von BDS. Aber ich setze mich ein für Meinungsfreiheit und fachlich-sachlich geführten politischen Diskurs, der jetzt durch besagte Drucksache vom Bundestag nachhaltig geschädigt wird.Ulrich Greder, Freiburg