Extinction Rebellion

Wer betrachtet die Situation realistischer – die Warner oder die Relativierer?

Bernd Laserstein

Von Bernd Laserstein (Freiburg)

Sa, 30. November 2019

Leserbriefe

Zu: "Kein genialer Vordenker", Beitrag von Dietmar Ostermann (Politik, 22. November)

Roger Hallam ist über sein Ziel hinausgeschossen. Seine Aussagen über den Holocaust sind jenseits jeglichen Common Sense. Extinction Rebellion (XR) distanzierte sich schnell, klar und international von seinen Äußerungen. Was nun Dietmar Ostermann daraus ableitet, erscheint mir aber auch bedenklich. Er spricht von "Erderwärmungsapokalyptikern".

Wen meint er damit? Die zahlreichen, eindringlich warnenden Stimmen der Klimawissenschaft? Oder die Aktivistinnen und Aktivisten von Fridays for Future, Extinction Rebellion und anderen? Gerade mussten wir lesen, dass der CO2-Ausstoß der G-20-Staaten im Jahr 2018 noch einmal angestiegen ist. Das bedeutet, dass das Zwei-Grad-Ziel gerade am Horizont verschwindet. Das wiederum erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Kipppunkte ausgelöst werden. Und was darauf folgen wird, könnte durchaus einem apokalyptischen Szenario gleichkommen – allerdings keines, das aus einem religiösen Wahn geboren wurde, sondern sich strikt kausal aus gleichgültigen physikalischen Gesetzen ergibt.

Wer also betrachtet die Situation realistischer – die Warner oder die Relativierer? Was bedeutet das für das Demokratieverständnis? Vielleicht zunächst einmal, sich einzugestehen, dass es auch demokratischen Regierungen in den letzten 30 Jahren nicht gelungen ist, angemessen auf die Bedrohung zu reagieren. Vom Ergebnis her gesehen ist die Klimapolitik der Regierungen ein Fehlschlag. Und diese Untätigkeit hat dazu geführt, dass die Herausforderungen nun immer extremer werden. Es steht zu befürchten, dass dieses zu wenige und zu späte Handeln mehr extreme Positionen hervorbringen und die Polarisierung der Gesellschaft noch verstärken wird.

Spricht das gegen die Demokratie? XR sagt "Nein", fordert mehr Demokratie und weitere demokratische Institutionen, um angemessener und wirkungsvoll mit der gefährlichen Situation umgehen zu können. Wenn die Stimmen von Bürgerinnen und Bürgern gehört werden, sie aktiv und kreativ die Zukunft mitgestalten können, werden sie eher immun gegen Extreme sein. Bernd Laserstein, Freiburg