Von West nach Ost

Ein Ehepaar aus Merzhausen leistete Amtshilfe in Leipzig

Jannik Jürgens

Von Jannik Jürgens

Sa, 09. November 2019 um 08:00 Uhr

Merzhausen

Verena und Fritz Heidland hatten eine Bedingung: Sie wollten gemeinsam in den Osten gehen, um dort beim Aufbau der neuen Verwaltung zu helfen.

Das Schulamt, zuständig für Verena Heidland als Grundschullehrerin, hat zunächst abgelehnt. Doch ein Beamter im Kultusministerium, der selbst vorher in Sachsen war, habe schließlich helfen können. Die beiden wurden ein Jahr lang gemeinsam nach Leipzig abgeordnet, als einziges Ehepaar aus Baden-Württemberg, sagen sie.

"Die meisten westdeutschen Beamten sind am Freitagnachmittag nach Hause gejettet", sagt Fritz Heidland, dessen Chef im Regierungspräsidium gefragt hatte, ob er rüber gehen wolle. Die Heidlands blieben an den Wochenenden in Ostdeutschland, fuhren mit dem Auto über Schlaglochpisten, erkundeten ein ihnen fremdes Land. Es sei vorgekommen, dass eine Straße plötzlich endete, weil in einem Loch Braunkohle abgebaut wurde.

In der Leipziger Kunstszene herrschte Aufbruchstimmung

Das Paar entdeckte die aufstrebende Leipziger Kunstszene. Der Galerist Harry Lybke stellte Werke der modernen Künstlern Penck, Kaeseberg und Rauch aus. "Da hat enorme Aufbruchstimmung geherrscht", sagen beide. Gewohnt haben sie zu Beginn ihrer Abordnung in einer alten Villa hinter dem Leipziger Reichsgerichtsgebäude, dem Gästehaus der Landesregierung. Als die Amerikaner dort ein Konsulat eröffneten, mussten sie umziehen.
"Die Menschen wollten Freiheit, sofort." Fritz Heidland
Auf dem Wohnzimmertisch des Ehepaars in Merzhausen liegt ein Fotoalbum, in dem alte Fotos von damals kleben. Fritz Heidland blättert und findet Bilder der Wohnung in Lindenau, einem Leipziger Arbeiterviertel, wo in den 90er Jahren Fabriken leer standen und Häuser verfielen. Erinnerungen an die zerbombten deutschen Städte nach dem Zweiten Weltkrieg werden wach. Die Heidlands mieteten eine kleine Wohnung mit zersprungenen Fensterscheiben, die Dusche war in der Küche und die Toilette auf dem Gang. Als Erstes kauften sie vier Wärmflaschen, zwei fürs Bett und zwei fürs Sofa. Eine Heizung gab es nicht.

Der Schreibtisch gehörte vorher einem Geheimdienstmann

Fritz Heidlands Büro im Leipziger Regierungspräsidium hatte vorher einem Geheimdienstmann gehört, erzählt er. Auf dem Schreibtisch standen fünf Telefone, an der Wand hing ein Safe. Als Erstes rückte der Beamte den Besprechungstisch ein Stück vom riesigen Schreibtisch weg. Die Nachricht: weniger Hierarchie. "Dass ich in Besprechungen Fragen gestellt habe, um mir eine Meinung zu bilden, das waren viele nicht gewöhnt", sagt Heidland. Dabei war der West-Beamte auf das Wissen der Kollegen angewiesen. Er musste sich in viele Projekte einarbeiten. Schlag auf Schlag wurden Entscheidungen gefällt.

In einem Plattenbau in Grünau wohnten Vietnamesen, die massiven Anfeindungen ausgesetzt waren. Innerhalb eines Tages sollte der Block mit Armeelastern evakuiert werden, das Amt musste Feldbetten und Turnhallen für die Menschen organisieren. Ein anderes Beispiel: Das neue Messegelände habe innerhalb eines dreiviertel Jahres geplant werden müssen – eine Aufgabe, die in normalen Zeiten etliche Jahre dauert. Wie das geklappt hat? "Man konzentriert sich auf das Wesentliche", sagt Heidland. Beeindruckt habe ihn, dass im Osten die Hälfte der Führungskräfte weiblich war. Besprechungen habe das angenehmer gemacht.

Von jetzt auf gleich mussten 250 Schulleiter gefunden werden

Auf Verena Heidland warteten ebenfalls große Herausforderungen im Oberschulamt. Hinzu kam, dass einige Kollegen misstrauisch waren. Das Erste, was die neue Chefin gesagt hat: "Wir brauchen Sie hier nicht." Doch eine andere Kollegin hat dagegen gehalten: "Ich kann Sie sehr gut gebrauchen." Die beiden verbündeten sich und versuchten, die Arbeit zu erledigen – so gut es ging. "Es musste alles wahnsinnig schnell gehen", sagt Heidland. Von jetzt auf gleich hätten 250 Schulleiter bestellt werden müssen, weil die Grundschule eingeführt wurde. Heute dauert die Bestellung eines Schulleiters oft Monate. Damals konnten nicht einmal Fragen zum Schulgesetz gestellt werden, denn das war auch neu. "Wir haben Fallbeispiele konstruiert und geschaut, wie die Kandidaten reagiert haben", sagt Heidland.

Ob Fehler gemacht wurden bei der Wiedervereinigung? "Mit Sicherheit." Den Ostdeutschen sei das westdeutsche System übergestülpt worden. Aber der Augenblick habe genutzt werden müssen. Und zwei Systeme nebeneinander? Das hätte nicht geklappt. "Die Menschen wollten Freiheit, sofort", sagt Fritz Heidland. Die Wiedervereinigung sei auch eine Wette auf die wirtschaftliche Stärke Deutschlands gewesen. Zwei Holländer, die sie einmal trafen, hätten ihnen gesagt: "Ihr geht dabei in die Knie."