Mit Abstand die beste Lösung

Gabriele Schoder

Von Gabriele Schoder

Mo, 18. Mai 2020

Kino

Das 35. Dokumentarfilmfestival München findet ausschließlich online statt.

Eigentlich sollten zur Zeit die 73. Filmfestspiele von Cannes laufen, aber bis auf den brancheninternen Filmmarkt, der online abgehalten wird, ist die Veranstaltung samt Wettbewerb abgesagt, immerhin soll das Programm der offiziellen Selektion später auf Festivals wie Toronto oder St. Sebastian gespielt werden. Eine andere Möglichkeit hatte Cannes im Jahr von Corona wohl auch gar nicht, schließlich will man an der Côte d’Azur nicht nur sehen, sondern auch gesehen werden.

Anders beim 35. Dokumentarfilmfest München, wo es eher allein ums Sehen geht – der Welt, der Politik, des Lebens und seiner Geschichte: Es findet statt, noch bis zum 24. Mai, mit immerhin 121 Filmen aus 42 Ländern, mit 21 Weltpremiere und 69 Deutschlandpremieren und am Ende der Verleihung sämtlicher 14 Preise. Aber alles eben ausschließlich online, als "DOK.fest München @home". Klar kann einem Kinofan da das Herz bluten, andererseits: Wann konnten wir je einem Filmfestival auf dem Sofa beiwohnen? Umsonst geht das freilich so wenig wie sonstwo in der Kultur: Das Einzelticket kostet 4,50 Euro – und wer freiwillig noch einen drauflegt, kann damit die Partnerkinos unterstützen. Kostenlos zugänglich hingegen sind die 87 Filmgespräche mit Interviewpartnern aus aller Welt.

Das Festival wurde mit dem berührenden Film "The Euphoria of Being" von Réka Szabó eröffnet: Die Regisseurin und Choreographin inszenierte dafür eine Tanzperformance mit der 90-jährigen Holocaust-Überlebenden Éva Fahidi nach deren Autobiografie. Ihr Film gehört in eine Reihe, die anlässlich des Kriegsendes vor 75 Jahren die letzten noch lebenden Opfer des nationalsozialistischen Terrors zu Wort kommen lässt und die Bedeutung der Erinnerung für die Gesellschaft der Gegenwart in den Fokus nimmt.

Politisch ist das Dokfest München ja immer, zu den meistdiskutierten Filmen gehören in diesem Jahr etwa Don Portlands "#Unfit" über die merkwürdige Psyche des Donald Trump oder "Copper Notes of a Dream" über syrische Kinder in einem Vorort von Damaskus, die Kupferdrähte aus den Wänden zerbombter Häuser ziehen, um den Lebenstraum eines Jungen zu verwirklichen. Ein Highlight ist auch "Vivos", eine Doku des chinesischen Konzeptkünstlers Ai Weiwei über Tod und Verschwinden von 49 mexikanischen Studierenden im September 2014. Und ganz aktuell sind die "Corona Chroniken" von Elke Sasse, die Deutschland und die Welt im Alltag des Ausnahmezustands zeigen, vom LKW-Fahrer über die Krankenschwester in der Intensivpflege in Spanien bis zur Näherin in Benin: Momentaufnahmen der Zeitgeschichte.

Einer der faszinierendsten Werke des gesamten Festivals aber ist der semifiktionale Film "Winter Journey" von Anders Østergaard, der den großen Bruno Ganz (1941–2019) in seiner letzten Rolle zeigt. Der Däne, dessen Doku über Burma 2010 für den Oscar nominiert wurde, unternimmt darin gemeinsam mit dem US-amerikanischen Autor und Journalisten Martin Goldsmith eine Annäherung an dessen 2009 verstorbenen Vater, die der Sohn in seinem Buch "Unauslöschliche Symphonie" (2000) festgehalten hat. Günther Goldschmidt aus Oldenburg war Flötist und spielte mit seiner späteren Frau, der Bratschistin Rosemarie Gumpert, im Jüdischen Kulturbund. Wie die beiden ihre Liebe zur Musik und zueinander leben wollten, obwohl sie längst wussten, warum Goebbels den Kulturbund initiiert hatte, ist in einer großartigen Verschränkung von Archivmaterial und teils historisierten Spielszenen (Kamera: Henner Besuch) zu erleben.

Im Zentrum des Films aber stehen die Gespräche zwischen Sohn und Vater in dessen Haus in Arizona. Bruno Ganz lebt in der Rolle des alten Mannes dessen Erinnerungen zwischen wehem Lächeln und verschattetem Blick: ganz großes Kino. Erst recht, wie sein George Goldsmith (so hieß er nach seiner Flucht im Jahr 1941) am Ende Martins nagende Frage beantwortet, warum er in den USA seine Musikerkarriere nicht weiter verfolgte.

"Winter Journey" ist bestürzend und schön zugleich – und beweist: Auch fiktive Szenen können die Wahrheit dokumentieren. Zumindest mit einem so wunderbaren Schauspieler.

Läuft noch bis 24. Mai. Tickets unter http://www.dokfest-muenchen.de