Lörrach

Der Regio-Planer plant seinen Ruhestand – und kritisiert die Verkehrspolitik

Peter Gerigk

Von Peter Gerigk

So, 27. Januar 2019 um 15:00 Uhr

Lörrach

Kurt Sänger von Rapp Regioplan blickt zurück auf vier Jahrzehnte politische Planung. Er kritisiert die Verkehrs- und Siedlungspolitik – und lobt dafür die Regio-S-Bahn.

Die Feuerwehr gibt Kurt Sänger nicht mehr. Daran muss er sich aber noch gewöhnen, denn die Geschäftsführung des Ingenieurbüros Rapp Regioplan in Lörrach hat er erst vor kurzem abgegeben. Vor allem Pläne für Straßen, die Regio-S-Bahn, Sportanlagen, Erschließungen und Neubaugebiete entstanden unter seiner Leitung – und "da, wo es zu brennen anfangen kann, gehe ich selber hin", sagte er im Rückblick mit der BZ aus alter Gewohnheit. Dabei ist er nur noch Berater. Droht es kritisch zu werden, ist nun sein Nachfolger Ralph Kutsche gefragt.

Ruhe im Ruhestand hat Sänger erst einmal nicht

39 Jahre lang gehörte Sänger dem regional bedeutsamen Betrieb (siehe Info) an, von 1995 bis Ende 2018 als Geschäftsführer, nun stellte er die Weiche in Richtung Ruhestand; die formale Stabübergabe ist nächste Woche. Er reduziert seinen zeitlichen Einsatz deutlich und bleibt als beratender, nicht angestellter Ingenieur fürs Unternehmen tätig. Dann übernimmt er Projekte von Kunden, die ihn bestellen. Auch am neuen Zentralklinikum des Landkreises, einem der größten Infrastrukturprojekte in der Stadt Lörrach, möchte er mitarbeiten.
Info: Rapp Regioplan

Die Gesellschaft ist seit 1992 ein Unternehmen der Schweizer Rapp Gruppe. 1980 von Kurt Sängers Vorgänger Albert Schmidt gegründet, hat Rapp Regioplan seinen Hauptsitz in Lörrach, einst an der Gretherstraße, heute an der Kanderner Straße, und seit 2012 eine Niederlassung in Konstanz, wo zehn ihrer 42 Mitarbeiter beschäftigt sind. Rapp Regioplan ist das bedeutendste Planungsbüro der Region. Zu den Auftraggebern zählen vor allem Bund, Ländern und Kommunen.

Rapp Regioplan plant für das Krankenhaus hauptsächlich Verkehrsanlagen. Der kreuzungsfreie Anschluss der Landstraße 138 an die Bundesstraße 317, wofür es eine Unterführung unter der Bahnlinie geben wird, muss unter Zeitdruck fertig werden. Für den 64-Jährigen kann vorerst also noch keine Rede sein vom Ruhestand und üppiger Zeit zum Rad- oder Skifahren, Kochen und Reisen. Einen Schlussstrich zog er nur unter sein Amt als Vorsitzender des Verkehrsausschusses der Industrie- und Handelskammer Hochrhein-Bodensee, das an die Geschäftsführung bei Rapp Regioplan gekoppelt ist.

"Ich musste mich daran anpassen, was der Markt verlangt." Kurt Sänger
Die Planer suchen sich ihre Tätigkeitsbereiche nicht aus. Sie rechnen, entwerfen und konzipieren das, was bestellt wird. "Ich war in 40 Jahren von der Pike auf in allen Fachbereichen tätig", blickt der Bauingenieur zurück, "und musste mich daran anpassen, was der Markt verlangt." Dabei entwickelte er eine Vorliebe: "Ein bisschen bin ich zum Projektentwickler geworden, das macht mir Spaß."

Die Aufträge des Büros spiegeln den wechselnden Bedarf von Bund, Land und Kommunen – den häufigsten Auftraggebern – wider und beschreiben so die politischen Schwerpunkte aus vier Jahrzehnten. Anfangs drehten sie sich um die A 98, um die Erschließung von großen Neubaugebieten, um die Beseitigung von Bahnübergängen wie mit der Unterführung in Stetten oder um die Sanierung von Industrieanlagen wie die der KBC in Lörrach. In den 1990er Jahren standen öfter die Deutsche Bahn und Logistikunternehmen in den Auftragsbüchern, beispielsweise wegen des Umschlagbahnhofs Weil am Rhein/Basel. In jener Zeit plante und baute Rapp Regioplan auch Haltestellen für die Regio-S-Bahn in Lörrach, Weil am Rhein, Schopfheim, Rheinfelden und Laufenburg.

Politische Schwerpunkte ändern sich in vier Jahrzehnten

Seit der Trend begann, Kunstrasenplätze für Fußballvereine zu bauen, ist der Lörracher als ehemaliger Verantwortlicher des FV Lörrach und der SG Lörrach-Stetten auch dabei ein gefragter Mann. Beide Klubs sind längst abgewickelt. Es gibt sie nicht mehr. Beim FVL "ging’s mir um den Generationenwechsel" und bei der SG "war eine gesunde Portion Blauäugigkeit dabei, aber wir sind geradegestanden für das, was wir anrichteten. Mehrere Entscheidungen waren damals wahrscheinlich richtig", fasst er diese Episoden heute zusammen. Kritischer betrachtet er andere Entwicklungen.

"Wir schaffen es nicht mehr, Projekte der 60er und 70er Jahre zu beenden." Kurt Sänger
Beim Verkehr in der Region ist für Sänger "Vieles schiefgelaufen. Es fehlt Geld für die Infrastruktur. Wir schaffen es nicht mehr, Projekte der 60er und 70er Jahre zu beenden", verweist er darauf, seit fast 30 Jahren an der Autobahn zu planen. "Diese Projekte werden nach Plänen, die nicht mehr passen, realisiert, weil es nicht geht, sie komplett neu aufzurollen."

Kritik an Verkehrs- und Siedlungspolitik

Die Siedlungspolitik der vergangenen 20 Jahre habe im Dreiländereck zu der enormen Wohnungsnot geführt, "weil wir einen Blick aus Berlin und Stuttgart haben anstatt aus Basel. Uns holt ein, dass wir zu wenige Baugebiete auswiesen." Sein Nachfolger werde daher viel mit der Verkehrs- und Siedlungspolitik beschäftigt sein. Sänger wolle aber keine Straßen auf Basis des Frankenkurses bauen. Sinke der Schweizer Franken um zehn Rappen, "haben wir kein Verkehrsproblem mehr". Als schwierig bezeichnet er den Versuch, Fahrradfahrern den Weg zu ebnen: "Wir tun uns schwer damit, die nötige Infrastruktur dafür herzustellen."

"Dafür muss man den politisch Verantwortlichen gratulieren." Kurt Sänger
Sänger erkennt aber auch gelungene Entwicklungen beim Verkehr: "Die Wiesentalbahn und die S-Bahn-Linie nach Weil, die Bahnhöfe und das Rollmaterial übertreffen unsere kühnsten Erwartungen von früher, als sie in einem erbärmlichen Zustand waren. Dafür muss man den politisch Verantwortlichen gratulieren." Das gelte auch fürs Stadtzentrum mit seiner Fußgängerzone, durch das Lastwagen fuhren, als es noch keine Autobahnbrücke gab. Lörrach habe alles richtig gemacht, was die Autobahn angeht. "Das könnte man in einigen Kommunen des Landkreises so ähnlich machen."