"Mümpfeli für Hirni und Mage"

Karin Steinebrunner

Von Karin Steinebrunner

Di, 21. Mai 2019

Görwihl

Markus Manfred Jung liest in Engelschwand beim vierten Hotzenwälder Allerlei.

GÖRWIHL-ENGELSCHWAND. Deftige Geschichten und Gedichte, die sich im weitesten Sinne ums Essen drehten, präsentierte Mundartautor Markus Manfred Jung bei "Mümpfeli für Herz, Hirni und Mage", dem vierten "Hotzenwälder Allerlei" der Gruppe "Kultur uff’m Wald" des Vereins "Aktiver Hotzenwald", bereits zum dritten Mal in Kooperation mit dem Gasthaus Engel in Engelschwand.

Dessen Team trug mit einem mehrgängigen heimischen Menü für die leiblichen Mümpfeli Sorge. Die Veranstaltung war total ausgebucht, und die Resonanz auf alle Mümpfeli gleichermaßen positiv.

Der aktuelle Burgschreiber von Laufenburg, Markus Manfred Jung, hatte bei seinem Abstecher auf den Wald Texte mitgebracht, die es auch bereits in Buchform nachzulesen gibt. Zur Einstimmung las er den Text, mit dem er ursprünglich als Autor bekannt wurde, der ihn gleich als grandiosen Beobachter auswies, und der in erfrischend liebevoller satirischer Weise beschreibt, wie es zuging, wenn seine Eltern sich zum Ausgehen bereit machten – dagegen war, so Jung, die anschließende Übertragung aus dem Ohnsorg-Theater im Fernsehen richtig langweilig.

Jungs Texte strotzen mitunter geradezu von Wörtern, die man selbst als alemannisch sprechender Zeitgenosse eher aus dem hintersten Fach seines Gedächtnisses hervorkramen muss. Und im Laufe des Abends bekannte er, als junger Mensch habe er das erste alemannische Wörterbuch gelesen wie einen Roman und fleißig herausgeschrieben, was ihm an Ausdrücken, die bereits im Verschwinden begriffen waren, gefallen habe. Und zum Beweis dafür, wie wichtig es in seinen Augen ist, die Mundart zu erhalten, liest er nicht nur zwei Geschichten über die im Raum allseits bekannten Härdöpfel oder Grumbiere, sondern präsentiert danach aus der schier unendlichen Zahl weiterer Möglichkeiten 20 Namen für die Kartoffel, von denen etliche mit großem Erstaunen in der Runde tatsächlich erstmals vernommen wurden.

Auch den Verdacht, die heimische Gastronomie sei deshalb so nachhaltig gut, weil der Alemanne als höchstes Lob "s’isch recht" fallen lasse und dadurch der Ehrgeiz der Köche nie zum Erliegen komme, äußert Jung in einem seiner Texte. Demzufolge das höchste Glücksgefühl beim Verlassen des Lokals nach einem ausgezeichneten Essen der Gedanke sei: "M’r hätt’s könne aabewürge". Im Gegenzug stellt Jung Überlegungen an, ob der ewige Fastfoodwahn der Kinder vielleicht darauf beruhe, dass sie tatsächlich denaturiertes Essen brauchen in einer Umwelt, die von der Elterngeneration bereits denaturiert wurde. Und er philosophiert weiter, ob bei all diesem Künstlichen vielleicht endlich auch die Kunst zu ihrem Recht komme und schließt mit dem lapidaren Kommentar: "Alles Ketchup!"

Kritische Töne schlagen auch die Kindheitserinnerungen an Erholungsaufenthalte auf dem Wald an, in denen die Unterernährung auch schon mal durch notfalls auch mit Unterstützung eines Haselnusssteckens eingetrichterter Mahlzeiten bekämpft wurde.

Und während bei dieser Geschichte an einem Tisch der Kommentar zu hören war "Ich bin nie semper gsi, ich han immer alles gesse", fühlten sich wohl etliche Zuhörer bei der niedergeschriebenen Erinnerung daran, was früher der Hunger der Kinder auf Süßes bedeutet hatte, wieder einmal in die eigene Kindheit zurückversetzt.

Große Erheiterung riefen die deftigen Beschreibungen der Düfte und Geräusche hervor, die den verschiedenen Ausprägungen des gewissen Örtchens eigen sind, vom Abtritt draußen auf der Laube über den "Botschamber", den man morgens mit ausgestreckten Armen abtransportierte, bis zum parfümierten Wasserklosett der Städter.

Und auch der Unterschied zwischen dem rein physisch grausigen Zahnarztbesuch früherer Zeiten und der psychohygienisch transzendentalen Behandlung heute, bei der dem Patienten sein eigener Totenkopf in Form von Röntgenbildern entgegengrinst, wurde mit zustimmendem Kopfnicken begleitet – Geschichten wie im richtigen Leben eben.