An Bord steigt die Nervosität

Felix Lill

Von Felix Lill

Do, 13. Februar 2020

Ausland

Vor Japans Küste wird seit Tagen ein Schiff mit Coronavirus-Infizierten in Quarantäne gehalten.

Von Kreuzfahrten erwarten sich Passagiere in der Regel, dass es sich auf hoher See äußerst entspannt lebt, man ruhig in die Ferne blicken kann, voller Freude über die Distanz zum Alltagsleben auf dem Festland. Den rund 3700 Personen auf der Diamond Princess, einem Kreuzer aus Japan, dürfte es derzeit genau andersrum gehen. Mit jedem weiteren Tag an Bord steigt die Sehnsucht nach der Rückkehr. Und mit jedem Tag nimmt die Nervosität offenbar zu. Passagiere berichten von Informationsdefiziten, strengen Bewegungseinschränkungen und Unruhe.

Seit einer Woche bereitet das Kreuzfahrtschiff vor der Küste von Yokohama einem ganzen Land Kopfschmerzen. Nachdem ein 80-jähriger Passagier aus Hongkong an Bord positiv auf den Coronavirus getestet worden war, wurde das Schiff letzte Woche unter Quarantäne gestellt. Was aber die Bevölkerung in Japan schützen soll, scheint vor der Küste ins Verderben zu führen: Anfang der Woche verkündete das japanische Gesundheitsministerium, dass mittlerweile 174 Passagiere infiziert sind. Damit ist Japan hinter China das vom Coronavirus am stärksten betroffene Land.

Staatliche Stellen üben sich derzeit in Beruhigungsmaßnahmen. Die Regierung will möglichst viele Passagiere behandeln. Doch alle werden offenbar keinen medizinischen Check erhalten können – womit die Sorge auf dem Festland auch nicht abnimmt. Dort werden Chinesen und Infizierte schon angefeindet und gemieden. In der Präfektur Shizuoka, unweit von Tokio, wurde Ende Januar ein Kulturevent, das den japanisch-chinesischen Austausch fördern sollte, mit der Begründung abgesagt, dass es Bedenken wegen des Virus gebe. In sozialen Medien mehren sich Berichte von Anfeindungen. Eine chinesische Frau meldete über die Plattform Weibo, dass ihr ein Kellner in der Stadt Ito in Shizuoka zugerufen habe: "Chinesen raus!" In mehreren Gegenden des Landes melden Schulen, dass Kinder gemobbt werden. Auch von Japanern, die infiziert sind, wird berichtet, dass sie gemieden werden. Um für Beruhigung zu sorgen, hat die Regierung in Tokio ein Krisenmanagementzentrum errichtet, das vom Premierminister Shinzo Abe angeführt wird. Die Tourismusbranche soll unter anderem durch vermehrte Screenings an Flughäfen unterstützt werden sowie durch finanzielle Unterstützung bei neu auftretenden Problemen.

Die Metropolregierung Tokios unterhält auch eine Taskforce. Betont wird, dass die japanischen Krankenhäuser nicht nur mit Hochdruck an der Behandlung infizierter Personen arbeiten, sondern auch an Impfstoffen. Das japanische Gesundheitssystem ist besser auf Katastrophenfälle vorbereitet als das chinesische, die japanische Krankenhausdichte ist die höchste der Welt. Dennoch: Die Zahl der Infizierten nimmt nicht ab, sondern zu. In Japan denkt man angesichts des Virus auch schon an die nächsten Monate. Ab Ende Juli finden in Tokio, der größten Metropolregion der Welt, für insgesamt eineinhalb Monate die Olympischen und Paralympischen Sommerspiele statt. Vermehrt wird derzeit gefragt, ob so ein Sportevent mit Teilnehmern und Besuchern aus aller Welt überhaupt wie geplant stattfinden kann, wenn sich in der Region gerade eine Pandemie ausbreite.

Die Diamond Princess ist nicht das einzige Kreuzfahrtschiff, das wegen des Virus von seiner Route abweichen musste. Die aus Hongkong kommende Westerdam mit rund 1500 Gästen und 800 Besatzungsmitgliedern irrte tagelang durchs Meer, weder in Taiwan, Japan, den Philippinen oder Guam durfte das Schiff anlegen – dabei ist keine Infizierung mit dem Virus an Bord bekannt. Nun steuert die Westerdam die kambodschanische Hafenstadt Sihanoukville an. Dies teilte die Reederei Holland America Line am Mittwoch mit. "Wir werden um 7 Uhr Ortszeit am Donnerstag ankommen."