Tripolis

Chalifa Haftar: Ein neuer Gaddafi in Libyen?

Michael Wrase

Von Michael Wrase

Sa, 06. April 2019 um 00:00 Uhr

Ausland

General Haftar droht vor Gesprächen über die Zukunft des Landes mit einem Einmarsch in Tripolis. Seine schwülstigen Parolen könnte er bei dem gelynchten Diktator Gaddafi abgekupfert haben.

"Heute vollenden wir unseren siegreichen Marsch und kommen den Rufen unserer Angehörigen in unserer teuren Hauptstadt nach", hatte der libysche General am Mittwochabend "zur bevorstehenden Befreiung von Tripolis" verkündet. Am Freitag lieferten sich Haftars Truppen weniger als 50 Kilometer vor Tripolis schwere Gefechte mit regierungstreuen Milizen. In der Hauptstadt hat die international anerkannte Regierung unter Führung von Premierminister Fajes al-Sarradsch ihren Sitz. Deutschland hat wegen der drohenden Eskalation der Gewalt in Libyen eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates einberufen, in dem Berlin zur Zeit den Vorsitz innehat.

Mit Premier Sarradsch ist Haftar am 15. April zu Gesprächen über die Zukunft des Landes verabredet. Sie sollen unter Vermittlung der Vereinten Nationen stattfinden. Es dürfte daher kein Zufall sein, dass Haftar den militärischen Druck auf Tripolis massiv verstärkt. "Der General versucht sich so in eine Position der Stärke zu manövrieren", betonen westliche Diplomaten in der libyschen Hauptstadt. Dort hatte UN-Generalsekretär Antonio Gutteres am Donnerstag nochmal eindringlich vor einer "militärischen Lösung" gewarnt.

Nichts anderes aber hat Haftar vermutlich im Sinn. Seit Jahren ignoriert der 75-Jährige alle Aufrufe zur Mäßigung. 90 Prozent des Landes soll seine Libysche nationale Armee (LNA) bereits kontrollieren. Zum Ende seiner wechselvollen Karriere will der General ganz nach oben. So wie einst Gaddafi, an dessen Putsch gegen König Idris sich Haftar 1969 als Offizier beteiligte. Er schaffte es an die Spitze der Armee, die unter seinem Kommando 1987 den Tschad angriff und vernichtend geschlagen wurde.

Der General geriet in Gefangenschaft, aus der er 1990 mit Hilfe der CIA befreit wurde. 20 Jahre verbrachte Haftar daraufhin im amerikanischen Virginia, von wo aus er den Widerstand gegen Gaddafi zu organisieren versuchte. Nach dem durch eine Nato-Intervention herbeigeführten Sturz des Diktators ging der in der ehemaligen Sowjetunion ausgebildete General zurück nach Libyen. Er schlug mit seinen Truppen die dschihadistischen Milizen im Osten des Landes und empfahl sich damit auf internationaler Ebene als Bündnispartner.

Neben Russland und Ägypten unterstützen auch die Vereinigten Arabischen Staaten und Saudi-Arabien Haftars 75 000 Mann starke National Liberation Army. Sie erwarten von ihm ein konsequentes Vorgehen gegen Regierung von Sarradsch, der der islamistischen Muslimbruderschaft nahesteht. Haftar kann die internationale Anerkennung von Sarradsch indes nicht ignorieren. Unter amerikanischen Druck bekannte sich der General im Februar in Abu Dhabi zu freien Wahlen. Gleichzeitig rückten seine Truppen bis zur Grenze zu Algerien im Westen Libyens und besetzten wichtige Ölquellen.