Im Schwarm gegen den Populismus

Julius Müller-Meiningen

Von Julius Müller-Meiningen

Di, 03. Dezember 2019

Ausland

Die Protestbewegung der "Sardinen" findet immer mehr Anhänger in Italien / Sie wendet sich gegen Hetze in Netz und Politik und singt das Partisanenlied "Bella Ciao".

Die Sardinen spielen in der italienischen Küche eine untergeordnete Rolle. In Venetien etwa gibt es sie frittiert auf Zwiebeln mit Essig und Rosinen, eher gewöhnungsbedürftig. Dafür treten die Sardinen nun den gesellschaftlichen Siegeszug an. Denn die Protestbewegung mit diesem Namen, die in den vergangenen Wochen im Internet entstand und sich nun wie ein großer Schwarm über das ganze Land verbreitet, versteht sich nicht als politischer Akteur.

Die Sardinen treibt eher die Atmosphäre auf der Apenninenhalbinsel um – sie wollen der Menschenfeindlichkeit, dem Hass, der Intoleranz und dem Rassismus ihre Zivilcourage entgegenstellen. Auf die Straße gehen, ganz eng beieinanderstehen, wie die Ölsardinen in der Dose. Das ist ihr Programm. Die Protagonisten sind eher jünger, meist zwischen 30 und 40. Es gibt aber auch Anhänger wie die 85-jährige Wanda Pane aus Neapel, die sich auf Facebook gerade in einem selbst gestrickten Sardinengewand mit wolligen Schwanzflossen und dem Hashtag "originalneapolitansardina" verewigt hat. Tausende Likes und Komplimente waren Signora Pane gewiss. Kürzlich füllten 10 000 protestierende Sardinen den Domplatz von Parma. Zuvor waren es 7000 in Modena, ebensoviele in Rimini und 12 000 in Bologna.

Im Januar stehen Regionalwahlen in der Emilia-Romagna an. Ex-Innenminister Matteo Salvini ist auf Wahlkampftour, seine rechtspopulistische Lega liegt laut Umfragen landesweit immer noch bei knapp 35 Prozent. Die Lega-Kandidatin hat gute Aussichten, Regionalpräsidentin zu werden, ausgerechnet in der früheren Hochburg der Linken, in der die Partisanen-Tradition und "Resistenza" immer noch eine große Rolle spielen. Das war der Auslöser für die "erste Fisch-Revolution" der Geschichte, wie die Gründer schreiben. Die Organisatoren haben offenbar im ganzen Land einen Nerv getroffen. Am Sonntag waren sie in Mailand und in Florenz, wo laut Angaben der Organisatoren rund 40 000 Menschen zusammenkamen. Sie hielten Plakate in Form einer Sardine in die Höhe, sangen das Partisanenlied "Bella Ciao" und protestierten gegen die Hetze gegen Ausländer, Juden, Homosexuelle und Frauen. Mitte Dezember haben sie sich in Rom verabredet.

Auch im italienischen Senat ist zu Monatsbeginn eine Sonderkommission gebildet worden, die Phänomene wie "Intoleranz, Rassismus, Antisemitismus und Aufstachelung zu Hass und Gewalt" untersuchen soll. Vor allem in den sozialen Netzwerken kursieren Hassbotschaften, an denen auch die Politik ihren Anteil hat. Der Sprachwissenschaftler Federico Faloppa, der für Amnesty International vor der EU-Wahl im Mai einen "Hass-Barometer" erstellte, sagt: "Es gibt keinen direkten Zusammenhang zwischen der Aggressivität der Politiker und der Entstehung von hate speech. Wir haben allerdings aufseiten der Politiker eine Art versteckte Aufgeregtheit beobachtet, die explizit diskriminierende Kommentare hervorbringt." Salvinis Anti-Immigrations-Kampagnen sind dafür das beste Beispiel.

Als der Ex-Innenminister vor zwei Wochen im Wahlkampf in Bologna auftrat, starteten vier junge Bologneser auf Facebook ihre Aktion "6000 Sardinen gegen Salvini". Der Veranstaltungssaal der Lega fasste 5600 Personen. Auf der Piazza Maggiore finden 6000 Menschen Platz, wenn sie eng zusammen stehen, fanden Mattia Santori und seine Freunde heraus. Wie die Ölsardinen.

"Uns gefiel die Idee, dass viele Personen, die sich im Internet und in der Gesellschaft vielleicht einsam fühlen, ganz eng zusammen stehen", sagte der Initiator Santori. Es sei der Moment gekommen, "die Wucht der populistischen Rhetorik zu verändern". Die Aktion wurde ein Erfolg, doppelt so viele Menschen wie erwartet kamen. Besonders wichtig ist den Veranstaltern aber, nicht in politisches Fahrwasser zu geraten. Fahnen, Parteisymbole, Beschimpfungen sind tabu.