Jekaterinburg probt den Aufstand

Stefan Scholl

Von Stefan Scholl

Do, 16. Mai 2019

Ausland

In der Stadt am Ural protestieren Tausende gegen den Bau einer Kathedrale / In Russland häufen sich solche regionalen Proteste.

JEKATERINBURG/MOSKAU. Vor dem Zaun stehen Einsatzpolizisten in schwarzen Kampfanzügen und Sturzhelmen, mehrere junge Männer reden auf einen kleinen, rundlichen Ordnungshüter ein. "Werden Sie auf das Volk schießen?", fragt ihn ein bärtiger Demonstrant. Die Szene ist im Livestream eines regionalen Mediums zu sehen. "Werden Sie dabei Spaß haben?", fragt der Demonstrant. Der Einsatzpolizist murmelt "kein Kommentar" und lächelt verlegen. "Euch wird das Lachen vergehen, wenn hier nicht ein paar Tausend, sondern ein paar Hunderttausend stehen", schimpft der Bärtige.

Jekaterinburg probt den Aufstand. Am Montag kam es im Stadtzentrum zu ersten Unruhen. Mehrere tausend Menschen versammelten sich auf einer Grünfläche neben dem Dramatischen Theater, um gegen den Bau der neuen Jekaterinenkathedrale in der Parkanlage zu protestieren. Eine gleichnamige Kirche war 1930 von den Bolschewisten einige hundert Meter weiter zerstört worden. Ihr 50 Millionen Euro teurer Wiederaufbau, der laut TV Doschd hauptsächlich von den regionalen Dollarmilliardären Andrei Kosyzin und Igor Altuschin finanziert wird, ist umstritten, scheiterte bereits an zwei anderen Standorten wegen Bürgerprotesten. Diese eskalierten jetzt auf der Grünfläche neben dem Theater. In der Nacht auf Montag war dort ein Bauzaun aus Maschendraht aufgetaucht, die Demonstranten rissen ihn ab, wurden aber selbst von Athleten einer Kampfsportakademie abgedrängt, die laut dem Portal meduza.io der Magnat Altuschin gegründet hat. Am Dienstag kamen Polizisten und Nationalgardisten zum Einsatz, es gab wieder Handgreiflichkeiten. Laut Polizei wurden 29 Menschen festgenommen, drei Menschen landeten im Krankenhaus. Am Mittwoch gingen die Proteste weiter, junge Frauen sangen zu Gitarrenmusik, andere beschimpften die Bauarbeiter. Die Gegner der Kathedrale werfen den Behörden vor, sie seien bei der Genehmigung des Baus nicht zu Wort gekommen und fordern eine Volksabstimmung. Befürworter sagen, sie hätten die Baustelle der Kathedrale um des lieben Friedens willens schon zweimal verlegt, nun verlangten sie von der Gegenseite Kompromissbereitschaft. Allerdings befanden sich alle diskutierten Standorte direkt im Zentrum der 1,4-Millionenstadt, wo schon ein Dutzend Kirchen steht, darunter die Blutkathedrale, die 2003 an dem Ort eingeweiht wurde, wo 1918 die Zarenfamilie ermordet worden war.

75 Meter hoch soll die Kathedrale werden, Bauherren und Behörden wollen das Projekt durchziehen. Gouverneur Jewgeni Kuiwaschew debattierte am Dienstag mit Vertretern beider Seiten, verkündete danach: "Es gibt keine gesetzlichen Gründe, den Bau abzubrechen." Kremlsprecher Dmitri Peskow nannte das Vorgehen der Behörden korrekt, der Staats-TV-Moderator Wladimir Solowjow beschimpfte die Demonstranten als "Missgeburten".

Jekaterinburg ist kein Einzelfall; in den vergangenen Monaten häufen sich in Russland regionale Proteste. In Inguschetien protestierten Einwohner wochenlang gegen eine Korrektur der Grenze zu Tschetschenien, in Archangelsk gegen eine Müllkippe, die Bürger Sankt Petersburgs wehrten sich 2018 gegen die geplante Übergabe der staatlichen Isaakskathedrale an die orthodoxe Kirche.

"Auch wenn die Anlässe unterschiedlich sind, flammen diese Unruheherde nicht zufällig auf", sagt der Moskauer Oppositionspolitiker Sergei Dawidis der BZ. "Das Verantwortungsgefühl der Menschen für ihre Umgebung wächst, auch die Bereitschaft, dafür auf die Straße zu gehen." Die Staatsmacht stehe vor einem Dilemma: "Sie macht kosmetische Zugeständnisse, doch sie will den Eindruck verhindern, dass man in Russland etwas mit Protesten erreichen kann."