Kämpfer für die Natur und die Ureinwohner Brasiliens

Gerhard Kiefer

Von Gerhard Kiefer

Fr, 12. Juli 2019

Ausland

IM PROFIL: Der unerschrockene Bischof Erwin Kräutler, Träger des alternativen Nobelpreises, ist ein Kandidat für ein Kardinalsamt .

Mit dem Tod bedroht wird Erwin Kräutler schon lange, als 1987 ein Lastwagen in sein Auto kracht. Der 48-jährige Bischof überlebt das Attentat schwer verletzt, im Wrack stirbt jedoch ein italienischer Priester. Kräutler leitet seit 1981 die Territorialprälatur Xingu im brasilianischen Bundesstaat Pará. Sie zählt zwar nur 400 000 Katholiken, doch sie ist mit 350 000 Quadratkilometer so groß wie Deutschland.

Kräutler setzt sich seit jeher am Amazonas gewaltfrei, aber entschieden ein gegen die Ausbeutung von Mensch und Natur. Einen Preis dafür zahlt er erstmals 1983. Er wird von Polizisten des Militärregimes verprügelt, weil er gegen eine Rohrzuckerfabrik protestiert, die ihren Beschäftigten die Löhne nicht bezahlt. 1995 wird in seinem Bischofshaus in Altamira sein Mitarbeiter Hubert Mattle ermordet. 2005 wird die amerikanische Ordensfrau und Umweltaktivistin Dorothy Stang erschossen. Auch sie hat gegen die Abholzung der Regenwälder und die Rechte der Landlosen gekämpft.

Erwin Kräutler bekennt sich trotz aller Gefahr (Polizeischutz bekommt er erst 2006) konsequent zur Theologie der Befreiung und lebt die von Papst Franziskus favorisierte "Option für die Armen" auch selbst. Sie resultiere aus der Erkenntnis, dass Gott kein ferner, sondern ein befreiender Gott sei für die "indigenen Völker, Millionen von Armen, die halbtot am Wegesrand liegen", wie der Bischof formulierte. Das biblische Motiv, sich "die Erde untertan zu machen", ist für ihn kein Freibrief zum Ausbeuten zur Natur, sondern der Auftrag, die Erde zu pflegen und sie den kommenden Generationen zu erhalten.

Erwin Kräutler stammt aus dem vorarlbergischen Koblach in Diözese Feldkirch; nach dem Abitur findet er zur Kongregation der Missionare vom Kostbaren Blut, wird nach seinem Studium der Theologie und der Philosophie in Salzburg 1965 zum Priester geweiht und geht umgehend als Missionar nach Brasilien. 1981 wird er Präsident des Indianer-Missionsrats der brasilianischen Bischofskonferenz, in der er rasch zu den profilierten Mitbrüdern zählt. Nicht zuletzt sein Einsatz gegen das geplante Staudammprojekt von Monte Belo am Rio Xingu macht ihn auch in Europa bekannt. Der Bischof kämpfe "gegen das Kartell aus Holzfällern, Farmern, Spekulanten, Politikern und Industrie", formuliert die Süddeutsche Zeitung.

Kräutlers Erfahrungen am Amazonas animieren Papst Franziskus, ihn den Umweltteil der aufrüttelnden Enzyklika "Laudato sí" schreiben zu lassen. Der Bischof hilft auch, die anstehende Amazonas-Synode vorzubereiten. Ein Thema wird die Frage sein, ob der Vatikan angesichts des Priestermangels erstmals bereit ist, auch "viri probati" (im Leben, in der Familie und im Beruf bewährte Männer) zu weihen. Kräutler will nicht länger hinnehmen, dass der Zölibat Berufungen verhindert und im Urwald deshalb Pfarrgemeinden Monate auf einen Priester warten müssen, der mit ihnen Eucharistie feiert. Und die katholische Frau solle, fordert er, wenigstens Diakonin werden dürfen – schon jetzt werden zwei Drittel der 800 Gemeinden der Diözese Xingu von Frauen geleitet.

Erwin Kräutler ist für sein beispielhaftes Wirken und sein gelebtes Christentum hoch dekoriert worden. Neben mehreren Ehrendoktoraten erhielt er den Erzbischof-Oscar-Romero-Preis, den Bruno-Kreisky-Preis für die Verdienste um die Menschenrechte und den Konrad-Lorenz-Preis für den Einsatz für das Unwiederbringliche in der Natur und in der Umwelt. Alle Auszeichnungen überragt der "alternative Nobelpreis", den er als zweiter brasilianischer Bischof nach Dom Helder Camara 2010 für seinen Einsatz für die Rechte der indigenen Völker und für sein Engagement für den Schutz des Regenwaldes erhielt.

Altersbedingt wurde Erwin Kräutler vor fünf Jahren als Bischof emeritiert, doch den Begriff Ruhestand kennt der kantig wirkende, eloquente Seelsorger auch seither nicht. Viele würden es begrüßen, bekäme er auch den Friedensnobelpreis. Denkbar wäre allerdings auch, dass Papst Franziskus diesen Kämpfer für die Erhaltung des Regenwalds zum Kardinal ernennt, je mehr Brasiliens neuer Präsident am Amazonas abholzen lässt. An diesem Freitag feiert Erwin Kräutler seinen 80. Geburtstag.