Zweiter Weltkrieg

Unter den Opfern von Wielun waren viele Juden

Gabriele Lesser, dpa

Von Gabriele Lesser & dpa

So, 01. September 2019 um 14:03 Uhr

Ausland

Die Weltkriegsgedenkfeiern beginnen in der polnischen Kleinstadt, von der niemand weiß, warum sie zum Ziel der Wehrmacht wurde. Wie viele Menschen ihr Leben verloren ist unklar.

Diesen Sonntag werden der deutsche Präsident Frank-Walter Steinmeier und sein polnischer Amtskollege Andrzej Duda um 4.40 Uhr der Opfer in Wielun gedenken. Doch nicht nur die exakte Uhrzeit und der Ort des deutschen Angriffsbeginns auf Polen, auch die Zahl der Opfer steht bis heute nicht genau fest: Sie schwankt zwischen 127, knapp 1200 und rund 2000. Namentlich bekannt sind nur einige Dutzend, darunter viele Wieluner Juden, die im Zentrum der Stadt wohnten.

Durch dieses, damals zerstörte Zentrum machen die beiden Präsidenten einen kleinen Rundgang, legen Kränze an den Fundamenten der Erzengel-St.-Michaels-Kirche nieder, die in der ersten Bombennacht zwar nur Schäden an einem Seitenflügel davongetragen hatte, aber unter deutscher Okkupation Ziegel für Ziegel abgetragen wurde. Die Kirche aus dem 13. Jahrhundert wurde nach dem Krieg nicht wiederaufgebaut.

Danach werden beide Präsidenten Kerzen am symbolischen Denkmal für die große Synagoge anzünden. "Das ist ein ganz wichtiger Punkt des Besuchs", sagt die Lehrerin Agnieszka Wolicka-Mysakowska, die sich seit vielen Jahren dafür einsetzt, dass das Andenken an die Wieluner Juden auch im Stadtbild Wieluns sichtbar wird. "Immerhin war jeder dritte Wieluner 1939 ein Jude oder eine Jüdin. Die Nazis haben sie alle ermordet – über 5000 Menschen."

Viele seien bereits in der ersten Bombennacht ums Leben gekommen, die anderen dann entweder im Wieluner Ghetto oder im Vernichtungslager Kulmhof am Ner im sogenannten Warthegau.

Zum Schluss besichtigen beide Präsidenten noch eine neue multimediale Ausstellung zur Bombardierung der polnischen Kleinstadt vor 80 Jahren. Zeitzeugen, damals zumeist kleine Kinder, werden erzählen, wie sie die erste Bombennacht, die totale Zerstörung ihrer Heimat und den Tod von Familienmitgliedern und Nachbarn in den zusammenstürzenden und brennenden Häusern erlebten.

Doch auch in der Ausstellung werden die Präsidenten keine endgültige Antwort auf die Frage finden, warum die Nazis ausgerechnet die Kleinstadt Wielun zu einem ihrer ersten Kriegsziele bestimmten. War es Terror, um Panik, Angst und Schrecken unter den Polen zu verbreiten und so deren Kampfgeist zu schwächen? Oder ging es darum, die neuen Stukas auszuprobieren und das Teppichbombardement zu üben – ohne Rücksicht auf Verluste? Militär jedenfalls war in Wielun nicht stationiert, Kasernen gab es nicht, nur zwei Bataillonen einer Art Bürgerwehr unter der Zivilbevölkerung.

Um 12 Uhr beginnt die Hauptgedenkfeier in Warschau auf dem zentralen Pilsudski-Platz. Obwohl sich 40 ausländische Delegationen mit insgesamt 250 Gästen angesagt haben, werden nur zwei Präsidenten eine Gedenkrede zum 80. Jahrestag des Kriegsbeginns halten: Duda und Steinmeier. Sprechen wird auch US-Vizepräsident Mike Pence. Er vertritt Präsident Donald Trump, der seine Teilnahme wegen des Hurrikans Dorian kurzfristig abgesagt hatte. Alle Nato- und EU-Partner sowie östliche Nachbarstaaten der EU wurden eingeladen – Russlands Präsident Wladimir Putin nicht.