"Vor zehn Jahren wäre das undenkbar gewesen"

Anja Reich

Von Anja Reich

Mo, 08. April 2019

Ausland

BZ-INTERVIEW mit dem israelischen Filmemacher Dan Shadur über Premier Netanjahu und warum Korruptionsaffären ihm nicht schaden.

TEL AVIV. Kaum jemand hat sich so intensiv mit Benjamin Netanjahu beschäftigt wie der israelische Filmemacher Dan Shadur. In seiner Dokumentation "King Bibi" zeigt er dessen Aufstieg vom Studenten und Möbelverkäufer zu einem Politiker, der so lange wie kein anderer an der Spitze des Landes steht und sich am Dienstag trotz massiver Korruptionsvorwürfe erneut zum Premierminister Israels wählen lassen will. Mit Shadur sprach Anja Reich.

BZ: Warum wollten Sie einen Film über Benjamin Netanjahu machen?
Shadur: Vor vier Jahren war ich in den USA, zufällig zur gleichen Zeit wie er, und da sah ich, wie wohl er sich dort fühlte und dass er sogar mit den Medien sprach. Dieser Unterschied hat mich interessiert. In Israel gibt er ja keine Interviews mehr.
BZ: Haben Sie ihn um eines gebeten?
Shadur: Ja, vor einem Jahr. Keine Antwort bis heute.
BZ: Welche Archivaufnahme hat Sie am meisten überrascht?
Shadur: Die von der Beerdigung seines Bruders Jonathan, der als Kommandeur einer israelischen Eliteeinheit 1976 bei der Geiselbefreiung von Entebbe starb. Netanjahu steht auf dem Herzl-Berg neben Yitzhak Rabin, müde und verletzlich. Genau an derselben Stelle, an der er 1995 bei Rabins Beerdigung stehen wird, als ein ganz anderer Mann. Diese Szene ist fast wie eine Prophezeiung. Die Vermischung von Persönlichem und Politischen zieht sich von nun an durch sein ganzes Leben. Ein gutes Beispiel ist ein Fernsehauftritt aus dem Jahr 1993, wo er öffentlich über seinen Seitensprung spricht. Ganz freiwillig, niemand hat ihn darum gebeten.
BZ: Er gibt den Seitensprung zu und dreht den Spieß einfach um, indem er die Medien für den Umgang mit ihm und seiner Frau beschimpft.
Shadur: Ja, schon damals konnte man sehen, in welche Richtung er sich nicht nur selbst entwickelt, sondern auch die israelische Demokratie. Immer sind die Medien schuld. Wobei er in seiner ersten Amtszeit noch anders war, er hat mit Journalisten gesprochen, und die Linken waren immer noch wichtig für ihn, er versuchte, sie auf seine Seite zu ziehen. Heute sind sie ihm egal. Er konzentriert sich allein auf seine Basis und darauf, an der Macht zu bleiben.
BZ: Welche Auswirkungen hat die Ankündigung der Staatsanwaltschaft, ihn wegen Bestechlichkeit, Betrug und Untreue anzuklagen, auf die Wahlen?
Shadur: Eigentlich hätte Netanjahu gleich zurücktreten müssen. Dass er einfach weiter Wahlkampf gemacht hat, ist verrückt. Und dass niemand wirklich seinen Rücktritt verlangt hat, auch. Vor zehn Jahren wäre das undenkbar gewesen.
BZ: Woran liegt das?
Shadur: An dem hohen Maß der Identifikation mit ihm. Es gibt fast so eine Art Bürgerkrieg hier zwischen zwei Lagern, das linke ist gegen Bibi, das rechte für ihn.
BZ: Nach jüngsten Umfragen hat Netanjahu gute Chancen, erneut Premier zu werden. Wie ist ihm das gelungen?
Shadur: Er hat seine Wähler überzeugt, dass es sich bei den Korruptionsvorwürfen um eine Verschwörung gegen ihn handelt oder dass die Vorwürfe nicht so schwerwiegend sind. Viele Likud-Anhänger wissen, dass er zwar das Gesetz gebrochen hat, aber finden, dass ihm das als großem Staatsführer auch zusteht. Sie fürchten, dass der Wohlstand und die Stabilität der letzten zehn Jahre ohne ihn verschwinden werden.

Dan Shadur, ist israelischer Filmemacher und Autor und lebt in Tel Aviv.