Ostdeutschland

Abzug russischer Soldaten vor 25 Jahren: Was wurde aus den Arealen?

dpa

Von dpa

Do, 29. August 2019 um 13:14 Uhr

Deutschland

25 Jahre nach dem Abzug der russischen Truppen aus Deutschland liegen viele Areale noch immer brach. Veteranen erinnern derweil an ruhmreiche Zeiten.

Vor 25 Jahren endete mit dem Abzug der russischen Streitkräfte aus Deutschland ein besonderes Kapitel der Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg. Am 31. August 1994 verließ der letzte russische Soldat offiziell das Land. Was passierte auf den Arealen? Zog dort neues ziviles Leben ein oder liegt alles noch brach und verfällt? Und: Wie erging es den abgezogenen Soldaten?

Die übermannsgroße Skulptur des Revolutionsführers Lenin in der ehemals verbotenen Stadt im brandenburgischen Wünsdorf, bis 1994 Sitz der russischen Streitkräfte in Deutschland, steht wie einst fest auf dem Sockel. Auf der damals größten Russen-Liegenschaft mit etwa 600 Hektar liegen Gegenwart und Vergangenheit dicht beieinander. In Brandenburg lag die Hälfte aller damals von den Russen genutzten Flächen: manche in den Städten, andere abgeschieden in Waldstücken auf dem Land, umzäunt von Betonmauern. Das Land erwarb 538 Hektar der Wünsdorfer Fläche. Weniger als die Hälfte davon ging an private Investoren. Es entstanden unter anderem Einfamilienhäuser, Firmen siedelten sich an, und in sanierte Kasernengebäude zogen Landesbehörden ein. Doch der Rest des Areals, ein Teil davon denkmalgeschützte Gebäude, versank im Dornröschenschlaf. Die Vermarktung dieser Flächen ist mehr als schwierig, auch wegen der Kosten, die aufgrund des Denkmalschutzes erforderlich sind.

Aber auch Sanierungen und die Beseitigung von militärischen Altlasten sind vielerorts notwendig. "Diese ’dicken Brocken’ konfrontieren alle Akteure mit besonders schwierigen Herausforderungen", sagt der Brandenburger Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD). In dem Bundesland gab es allein 83 Kasernenkomplexe, 89 Wohngebiete, 19 Flugplätze sowie 45 Truppenübungs- und Schießplätze, die einst den Russen gehörten. Die bislang nicht verwertete Fläche in Wünsdorf wird von einem Wachschutz gesichert. Der morbide Charme lockt Besucher an, auch ungebetene. "Wie von Zauberhand bewegen sich die Zeiger der großen Uhr an einem der Gebäude von Zeit zu Zeit, obwohl sie eigentlich nicht mehr funktioniert", sagt Birgit Flügge von der Entwicklungsgesellschaft Waldstadt Wünsdorf/Zehrensdorf.

Ein ganz anderes Beispiel: Mit Heide-Süd entstand in Halle ein ganzer Stadtteil auf dem riesigen sanierten Gelände einer ehemaligen russischen Kaserne. Moderne Wissenschaftseinrichtungen siedelten sich dort an. Wo einst Soldaten und Offiziere mit ihren Familien lebten, zogen Menschen ein, Tausende arbeiten auf dem Areal nahe dem Stadtwald. In Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt Magdeburg wurde früheres Militärgelände zu einem bis heute beliebten Ausflugsziel: der Bundesgartenschau mit ihrem markanten Jahrtausendturm. Inmitten der Mecklenburgischen Seenplatte liegt im abgelegenen Lärz ein ehemaliger Militärflugplatz. Die russischen Jagdflieger sind lange aus den Hangars verschwunden, doch lebt die Erinnerung daran auf besondere Weise weiter: Seit 1997 geht auf einem Teil des Flugplatzes das Open-Air-Musikfestival "Fusion" über die Bühne, vom Veranstalter Kulturkosmos Müritzsee meist in kyrillischen Buchstaben geschrieben.

Wer heute in Weißrussland, der Ukraine und Russland oder anderen Ex-Sowjetrepubliken unterwegs ist, trifft immer wieder ehemalige Soldaten, die in der DDR gedient hatten. Bei vielen leuchten die Augen. DDR-Nostalgie ist unter den früheren Sowjetsoldaten weit verbreitet. "Für uns waren die Kampfgruppen ein Fenster nach Europa", heißt es im Online-Forum "11td.ru" der einstigen 11. Panzerdivision in Dresden. Eine gute Zeit hätten sie dort gehabt. "Das warme Klima, die schönen Landschaften, gepflegte Städte und Dörfer." Die alte Zeit lebt heute weiter im Internet: In den sozialen Netzwerken erinnern sich Kameraden.

Die Rückkehr war für viele alles andere als der Start in ein besseres Leben. Weil Wohnungen fehlten, kamen viele Offiziersfamilien vorübergehend in Baracken, verfallenen Gebäuden oder Zeltlagern unter. Groß ist bis heute der Unmut über Michail Gorbatschow, einen der Väter der Deutschen Einheit. Der damalige Chef im Kreml vereinbarte mit Kanzler Helmut Kohl den hastigen Truppenabzug innerhalb von vier Jahren. Die letzten Soldaten verabschiedete der russische Präsident Boris Jelzin nach fast einem halben Jahrhundert Truppenpräsenz.

Viele fanden, dass sie damals nicht als Sieger über den Hitlerfaschismus, als Befreier eines Teils Deutschlands abzogen, sondern wie Verlierer. Sie kehrten heim in ein Land, das Mitte der 1990er-Jahre im Chaos versank. Für den Abzug floss von Deutschland nach Russland eine Milliardensumme. Viele kritisieren bis heute, Russland habe sich damals nicht ausreichend entschädigen lassen für die über Jahrzehnte aufgebaute Infrastruktur, darunter auch Tausende Wohnungen, und für die Grundstücke.

Die 1994 gegründete "Vereinigung der Veteranen der Kampfgruppen in Deutschland" will dagegen an den glorreichen Ruhm von einst erinnern. Zur 25-Jahr-Feier der Gründung der Vereinigung im Februar teilte der frühere Kommandeur Anton Terentjew mit, dass die Aufgabe heute darin bestehe, die Jugend in Russland militär-patriotisch zu erziehen. Es gehe darum, die ruhmreiche Tradition der Truppen in Deutschland hochzuhalten.