Die Spur führt nach Moskau

Christopher Ziedler

Von Christopher Ziedler

Mi, 04. Dezember 2019

Deutschland

Der Generalbundesanwalt ermittelt, ob der russische Staat hinter dem Verbrechen im August im Berliner Tiergarten steckt.

BERLIN. Es ist ein Sommertag in Mitte, als eine Verfolgungsjagd plötzlich die hitzebedingte Gemächlichkeit stört. Ein Fahrradfahrer biegt in hohem Tempo, ohne auf die rote Ampel zu achten, von der Dorotheenstraße in die Neustädtische Kirchstraße ab. Hundert Meter hinter ihm rasen, ebenfalls auf Fahrrädern, zwei Polizisten mit gelben Warnwesten heran. "Anhalten", brüllen sie dem Mann vor ihnen hinterher. "Anhalten!"

Die Szene, die sich in der Mittagszeit des 23. August in der Hauptstadt abgespielt hat, muss nicht zwingend mit dem Mord zu tun haben, der wenige Minuten zuvor im Kleinen Tiergarten verübt wurde. Gut möglich ist es doch, schließlich gab die Berliner Polizei danach bekannt, dass der Täter genau in diese Gegend flüchtete, nachdem er von seinem Fahrrad aus Zelimkhan K. erschossen hatte. Der Tschetschene mit georgischem Pass, aus kurzer Distanz in den Kopf getroffen, brach sofort tot zusammen – eine öffentliche Hinrichtung am helllichten Tag.

Schon kurz nach der Tat machten Spekulationen die Runde, es könne sich um einen politischen Mord, ein Attentat, gehandelt haben: Der später festgenommene Vadim S., der aktuell in Untersuchungshaft sitzt und schweigt, wollte sogleich einen Vertreter der russischen Botschaft sprechen. Sein Opfer wiederum, das als früherer Rebellenkommandeur 2017 in Deutschland Asyl beantragte, gab damals an, der russische Staat habe es auf sein Leben abgesehen.

Nun herrscht fast schon Gewissheit, dass sich Zelimkhan K. damals zu Recht um seine Sicherheit sorgte. Die Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe will sich zwar nicht dazu äußern, ein Sprecher sagte am Dienstag lediglich, eine Übernahme der Ermittlungen sei "bislang nicht erfolgt". In Berliner Sicherheitskreisen wurde der Badischen Zeitung jedoch bestätigt, dass sich der Anfangsverdacht, wonach ein ausländischer Geheimdienst seine Finger im Spiel habe, inzwischen erhärtet hat. Eine offizielle Stellungnahme der Karlsruher Bundesermittler sei nur noch eine Frage der Zeit.

Aus verschiedenen Quellen dringen am Dienstag einzelne Bruchstücke eines Gesamtbildes nach außen, die die Fahnder an einen in Moskau angeordneten Auftragsmord glauben lassen. So hat sich offenbar herausgestellt, dass es sich bei dem Berliner Täter um einen Kasachen namens Vadim K. handelt, der 2013 – von seinem Fahrrad aus – einen russischen Geschäftsmann ermordet haben soll und zur Fahndung ausgeschrieben wurde, die von russischer Seite zwei Jahre später ohne erkennbaren Anlass eingestellt wurde. Das nährt bei den deutschen Sicherheitsbehörden den Verdacht, der Mann könne als Agent rekrutiert worden sein. Zudem soll ein Abgleich der biometrischen Daten große Ähnlichkeit zwischen dem Berliner Untersuchungshäftling und den sechs Jahre alten Fahndungsbildern ergeben haben. Eine Faxnummer, die bei der Vergabe eines Visums an den Täter vom Tiergarten benutzt wurde, erhärtet den Verdacht wohl noch: Sie soll einer Firma gehören, die schon häufig mit dem russischen Verteidigungsministerium zusammengearbeitet hat.

Die Berliner Politik ist alarmiert. Der Lörracher CDU-Abgeordnete Armin Schuster, der dem parlamentarischen Kontrollgremium für die Geheimdienste vorsteht, stellt den Vorgang in eine Reihe mit dem Giftanschlag von 2018 auf den übergelaufenen Spion Sergej Skripal in Großbritannien: "Sollte sich nach dem Fall Skripal in England jetzt auch in Deutschland ein mutmaßlicher politischer Mord im Auftrag Russlands bestätigen, müssten ernste diplomatische Sanktionen Deutschlands, aber auch der EU folgen." Solche Tathergänge erinnern den ehemaligen Bundespolizisten "an die Zeiten des Kalten Krieges", was auch "erhebliche Konsequenzen für die Spionageabwehr gegenüber Russland" nach sich ziehen müsse.

Die Außenpolitiker der Koalition sehen die Beziehungen zu Moskau durch den Vorfall potenziell schwer belastet. "Die Hinweise verdichten sich, dass russische Regierungsstellen für den Auftragsmord im Tiergarten Verantwortung tragen", sagte Jürgen Hardt, außenpolitischer Sprecher der Unionsfraktion, was für ihn "eine neue Qualität völkerrechtswidriger russischer Handlungen auf europäischem Boden" und Anlass für "Gegenmaßnahmen" wäre: "In dem Fall würde Wladimir Putin die Verantwortung für eine weitere Verschlechterung der deutsch-russischen Beziehungen tragen."