"Dieser Krebs ist heilbar"

Bernhard Walker und Christopher Ziedler

Von Bernhard Walker & Christopher Ziedler

Mi, 11. September 2019

Deutschland

Manuela Schwesig macht ihre Erkrankung öffentlich, gibt den SPD-Vorsitz ab, regiert aber in Schwerin weiter.

BERLIN. Das mit dem Baumhaus hat Manuela Schwesig gern erzählt. Wenn sie darauf zu sprechen kam, war ein Leuchten in ihren Augen. Ihr kleiner Sohn spiele gern in seinem Baumhaus, in dem es eine Küche gebe. Manchmal serviere ihr der Kleine dort einen Espresso: "Das hat er sich von meinem Mann abgeschaut." Diese goldige Geste hat die SPD-Politikerin so gerührt, dass sie sie nicht im Privaten gelassen hat – so, wie sie auch sonst in persönlichen Dingen sehr offen ist. Nach der Geburt ihres Sohnes ließ sich die Finanzwirtin taufen. Die gebürtige Brandenburgerin war ohne religiösen Bezug aufgewachsen. Aber als der Kleine auf der Welt war, sei ihr wichtig gewesen, "die schützenden Hände Gottes über meinem Sohn, meinem Mann und mir zu wissen."

Ihre Familie und ihr Glaube werden der 45 Jahre alten Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern helfen durchzustehen, was sie am Dienstag einen "riesigen Schock" genannt hat. Schwesig ist an Brustkrebs erkrankt, gibt deshalb den Posten im kommissarischen Führungstrio der Sozialdemokraten ab, die beim Parteitag im Dezember die Nachfolge der zurückgetretenen Andrea Nahles bestimmen wollen. Regierungschefin in Schwerin will Manuela Schwesig bleiben. "Nach intensiven Gesprächen mit meinen behandelnden Ärzten bin ich sehr zuversichtlich, dass ich wieder gesund werde", schreibt sie in einem Brief an ihre Parteifreunde. "Krebs ist nicht gleich Krebs. Dieser Krebs ist heilbar", fügt sie an, als sie am Mittag eine öffentliche Erklärung abgab.

Die frühere Bundesfamilienministerin wird die Therapie und ihre Arbeit verbinden, was auch heißt, dass Minister im Schweriner Kabinett von ihr Termine übernehmen. Im Nachhinein wird nun auch deutlich, warum Schwesig im Rennen um den Parteivorsitz nicht angetreten ist – eine Entscheidung, für die der SPD-Politiker Matthias Machnig im August bissigen Spott übrig hatte: "Wer nicht mal mehr an der Eingangstür des Willy-Brandt-Hauses rütteln will, der braucht über das Kanzleramt gar nicht erst nachzudenken." Damals fiel auf, wie schroff Schwesig diese Kritik zurückwies. Selbstverständlich habe das aktuelle SPD-Trio mit der Mainzer Ministerpräsidenten Malu Dreyer, Thorsten Schäfer-Gümbel aus Hessen und ihr einen Machtanspruch, sagte sie Mitte August dem ZDF: "Aber vielleicht kommen wir nicht ganz so daher, wie es manche ältere Herren in unserer Partei gerne hätten."

Mitgefühl und Respekt für den Umgang mit der bitteren Diagnose werden Manuela Schwesig zuteil an diesem Tag, auch Kanzlerin Angela Merkel hat angerufen. In der SPD sind viele tieftraurig und erschüttert, weil nur die allerwenigsten vorab davon gewusst haben. Fast trotzig sagt eine sichtlich angefasste Malu Dreyer, die ihren eigenen Kampf gegen die Krankheit Multiple Sklerose führt: "Manuela Schwesig wird es packen." In den sozialen Netzwerken reagiert diese auf die Genesungswünsche: "Das berührt mich sehr und gibt mir viel Kraft."

Fast vollständig rückt an diesem Tag in den Hintergrund, dass der Rückzug von den Parteiämtern für die SPD ein politisch herber Schlag ist – geführt wird die Partei von Oktober an allein von Dreyer, da Schäfer-Gümbel wie schon länger geplant Vorstand bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) wird. Für die Bundes-SPD wird es nicht leichter, aus ihrem Tal herauszufinden. Was die Lage der Genossen im Nordosten anbelangt, bleibt Schwesig in der Verantwortung – den SPD-Vorsitz in Mecklenburg-Vorpommern will sie behalten. Allerdings hat die Partei bei der Kommunalwahl im Mai ein miserables Ergebnis eingefahren. In Rostock kam ihr OB-Kandidat nicht in die Stichwahl, im Landkreis Vorpommern-Rügen fiel die SPD auf den fünften Platz.

Es bleibt kaum Zeit, das Ruder herumzureißen: 2021 findet die Landtagswahl statt. Vorgänger Erwin Sellering hatte 2016 noch 30,6 Prozent für die SPD geholt. Sellering hatte sich im Sommer 2017 vom Amt zurückgezogen, weil er an Lymphdrüsenkrebs erkrankt war. Er wurde wieder gesund – auch in dieser Hinsicht will ihm Schwesig nachfolgen.