Pflegenotstand im Protokoll

Im Minutentakt: Wie eine ambulante Pflegerin 26 Patienten am Tag versorgt

Sascha Lübbe

Von Sascha Lübbe

Di, 22. Oktober 2019 um 15:40 Uhr

Deutschland

BZ-Plus Sie versorgt als ambulante Pflegekraft 26 Patienten an einem Vormittag. "Man wächst da rein", sagt Gabriela Eßbach. Zeitdruck, Überstunden, schlechte Bezahlung – warum tut man sich das an?

"Erst mal eine rauchen." Es ist 5.50 Uhr in einer Einfamilienhaussiedlung im Osten Berlins. Gabriela Eßbach steht vor der Firmenzentrale, in der rechten Hand die Zigarette, in der linken das Handy. Sie hat eine App geöffnet, scrollt durch eine Liste. 26 Namen. "Ordentlich für einen Frühdienst", sagt Eßbach, steigt in ihren Toyota, Dienstbeginn. Eßbach – Schwester Gabi, wie Kolleginnen sie nennen – arbeitet als Pflegefachkraft in einem privaten Pflegeunternehmen. 26 Menschen wird sie versorgen, für sie ein normaler Arbeitstag.

Die Arbeitsbedingungen in der Pflegebranche gelten als prekär. Hunderttausende fühlen sich einer Umfrage zufolge ausgezehrt, klagen über Zeitdruck, fühlen sich nicht angemessen bezahlt, fast die Hälfte sagt, das Arbeitspensum gehe zulasten der Qualität. Viele Firmen versuchen vergeblich, neue Kräfte zu gewinnen. Zehntausende Stellen sind unbesetzt. Zur Frage, warum man sich das antut, sagt Eßbach: "Man hat den Beruf ja ergriffen, um Menschen zu helfen. Da wächst man rein."

Patient 1: Eßbach lenkt ihren Toyota in den angrenzenden Stadtbezirk. Sie kurvt um Äste; Stürme waren gerade durch Berlin gefegt. Ein Plattenbau, 4. Stock. Eßbach streift Plastikfolie über ihre Schuhe. Ein Mann Ende 70 wartet im Wohnzimmer: graue Trainingshose, grünes Polohemd, Badeschlappen. "Na", sagt Eßbach, "hat’s hier gestern auch so gescheppert?" "Und wie", sagt der Mann. Eßbach nimmt die Tablettenbox vom Couchtisch, greift sich eine Schachtel mit der Aufschrift "Donnerstag", nimmt Pillen heraus, gibt sie dem Mann, der schluckt sie mit Wasser herunter. Fünf Minuten sind dafür vorgesehen, schon ist Eßbach wieder weg.

Patient 2: Ein Haus in einer Seitenstraße. "Guten Morgen, Schwester Gabi!" Ein korpulenter Mann Ende 40 steht in der Tür, in Shirt und Unterhose, ein Bein steckt in einem schwarzen Strumpf, das andere ist nackt. "Wie war das Unwetter gestern?", fragt Eßbach. "Kurz und heftig", sagt der Mann. Er geht ins ...

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