Alltagsgegenstände mit geheimnisvoller Aura

Annette Mahro

Von Annette Mahro

Fr, 20. September 2019

Kunst

"Objekte der Begierde. Surrealismus und Design 1924–heute" im Vitra Design Museum.

Die Pelztasse kommt nicht, schade. Meret Oppenheims 1936 geschaffenes "Le déjeuner en fourrure", das als Schlüsselwerk des Surrealismus gelten darf, bleibt im New Yorker Museum of Modern Art Moma. Zu den "Objekten der Begierde", die das Weiler Vitra Design Museum in seiner Surrealismus-Ausstellung zeigt, wird aber beispielsweise Oppenheims Krähenfußtisch "Traccia" aus dem Jahr 1939 zählen, ganz zu schweigen von Marcel Duchamps Urform des Readymades, dem "Flaschentrockner" von 1914.

Bildende Kunst hat bisher erst selten ihren Weg in die Räume des Design Museums gefunden. Dass es diesmal gleich so viele hochkarätige Werke sind – mit von der Partie sind unter anderem auch René Magritte, Max Ernst, Giorgio de Chirico oder Man Ray – ist nicht zuletzt den Museen zu danken, die die Ausstellung nach der Weiler Premiere zeigen und Arbeiten aus eigenem Bestand zur Verfügung stellen. Für das Konzept sind die Leihgaben unerlässlich, geht es den Ausstellungsmachern um Kurator Mateo Kries doch explizit um den Einfluss, den der Surrealismus in den letzten 100 Jahren aufs Design ausgeübt hat.

Aufgeteilt ist die Ausstellung in vier Teilbereiche. Sie startet mit einer Bestandsaufnahme, in der die 1920er bis 1950er Jahre beleuchtet werden. Basierend auf Giorgio de Chiricos Metaphysischer Malerei hatten Künstler wie Salvador Dalí damit begonnen, Alltagsgegenständen eine geheimnisvolle Aura zuzuordnen. Gleichzeitig schufen Oppenheim und Man Ray aus der Verbindung von vorgefundenem Material und scheinbar beliebigen Ge- genständen neue absurde Objekte und Skulpturen.

Im zweiten Teil der Ausstellung, die am 28. September öffnet und bis 19. Januar dauert, geht es um die Loslösung aus dem gewohnten Kontext und die Entfremdung, wie sie sich etwa in Constantin Grcics "Coathangerbrush" (1992), einem gewöhnlichen Kleiderbügel mit integrierter Kleiderbürste, niederschlagen. Es folgen Liebe, Erotik, Sexualität, für die zum Beispiel das oft gezeigte lippenförmige Sofa "Bocca" des Turiner Studios 65 steht. Die Ausstellung endet mit dem Interesse am Archaischen, am Irrationalen. Aufgenommen hat das etwa "Porca Miseria!", die scheinbar explodierende Leuchte des Designers Ingo Maurer.