Du kannst das Spiel noch im letzten Drittel drehen

Gabriele Schoder

Von Gabriele Schoder

Do, 13. Juni 2019

Kino

TRAGIKOMÖDIE: Tuva Novotny erzählt in "Britt-Marie war hier" die heiter-melancholische Geschichte eines mutigen Neuanfangs.

Britt-Marie (Pernilla August) ist 63 und ungefähr so sexy wie ihr grauer Staubmantel. Wobei sie den so gut wie nie trägt, denn sie ist eigentlich immer daheim – um die Wohnung reinlich zu halten, das Besteck zu wienern, den Gatten zu bekochen. Wenn Kent (Peter Haber) dann zum nächsten "wichtigen Termin" aufbricht, nachdem er gnädig fünf Minuten zu Tisch saß, deckt sie wieder ab und widmet sich erneut des Heimes Pflege. Eine Karikatur von einer Frau, könnte man meinen, erfreute sich das Modell Britt-Marie nicht auch im 21. Jahrhundert noch größter Beliebtheit, besonders unter Männern.

Die Wende für die unsichtbare Frau kommt aus heiterem Himmel: ein Anruf vom Krankenhaus, Herzinfarkt. Sie eilt hin, ich bin Kents Frau – aber, sagt die Krankenschwester, also, ähem: An seinem Bett sitzt nämlich schon eine, jüngere, blonder, schöner. Britt-Marie geht heim, packt ihren Koffer, legt den Ehering auf den Tisch und macht die Tür hinter sich zu. Sie sucht Arbeit, nicht leicht nach 40 Jahren Hausfrauendasein, und so ist das einzige Angebot ein Job als Jugendbetreuerin in einem Städtchen namens Borg. Kennen Sie sich mit Fußball aus, fragt die Dame von der Arbeitsagentur, und Britt-Marie antwortet, Fußball sei jahrzehntelang Teil ihres Lebens gewesen – was nicht ganz falsch ist, schließlich hat Kent jedes Spiel im Fernsehen angeguckt.

So landet sie in Borg und trainiert Zehnjährige im Fußball. Die merken natürlich sofort, dass sie keine Ahnung hat, aber sie brauchen sie, denn Kicken ist ihre ganze Leidenschaft, ihre Lust, ihr Leben im trostlosen Kaff. Wie die taffen Kids mit und ohne Migrationshintergrund unter Britt-Marie zu einem Team zusammenwachsen, hat die Schwedin Tuva Nowotny als warmherzigen Wohlfühlfilm inszeniert, der bei aller Erwartbarkeit ungemein sympathisch ist. Pernilla August, die ihre Filmkarriere bei Ingmar Bergman begann, verleiht ihrer Figur berührende Tiefe, und die Kinderdarsteller (stellvertretend: Stella Oyoko Bengtsson als Vega) machen glaubhaft, dass auch die Alten von den Jungen etwas lernen können.

"Britt-Marie war hier" nach dem Roman von Fredrik Backman (der auch die Vorlage zum Arthaushit "Ein Mann namens Ove" schrieb) erzählt von Scheitern, Mut und Neubeginn. Und davon, dass es auch im letzten Drittel noch nicht zu spät ist, das Spiel (des Lebens) zu drehen. Das heißt nicht, dass du einen sensationellen Sieg einfahren müsstest. Du kannst auch 14: 1 verlieren – entscheidend ist, dass du nicht aufgegeben hast. Dass du dich zurückmeldest. Gesehen wirst. Und deinen einen Treffer feiern kannst wie einen Weltmeistertitel.

"Britt-Marie war hier" (Regie: Tuva
Nowotny) läuft flächendeckend. Ab 0.