Ein Bobo erzählt von Bobos

Ingo Flothen

Von Ingo Flothen

Sa, 16. November 2019

Literatur & Vorträge

Philipp Tingler macht in "Rate wer zum Essen kommt" das, was er am besten kann: Er entlarvt Konventionen /.

Wer mal den stolzgeweiteten Bizeps von Philipp Tingler gesehen hat, sei es auf dem Cover eines seiner Bücher oder im Literaturclub des Schweizer Fernsehens, wo er als scharfzüngiger Zensor agiert, der kommt nicht umhin, sich diesen Menschen – oh Gott, ist so viel schiere Virilität wirklich möglich? – anders zu denken als einen machistischen Testosteron-Schriftsteller: strotzend, schwellend, schwitzend. Irgendwo zwischen Charles Bukowski und Wolf Wondratschek. Ein Mucki-Literat, schweißtriefend. Aber dann weht einen da im Klappentext einer dieser gefährlich – und unlauter? – verkürzten Rezensionssätze an: "Tingler schreibt wie die Wiedergeburt von Thomas Mann", und man fragt sich, wie wohl der Bizeps von Thomas Mann ausgesehen haben mag – na ja. Vor allem aber würde man gern wissen: Ist dieses Sätzlein als Lob gemeint oder muss es als Drohung begriffen werden, weil uns nun 200 Seiten Sprachgeklöppel erwarten, gepflegte Pediküren-Prosa?

Die Tage sind nicht grau,

sie sind diorgrau

Sagen wir es gleich: Schreiben kann er. Philipp Tingler spult makellose – und kluge – Sätze ab, am laufenden Band. Man denkt an einen rund laufenden Motor, vollkommen störungsfrei. Fast. Denn immer wieder gibt es da auch eigenartige Sprachantiquiertheiten. Die Dürrenmatt-Krankheit etwa, das alte Dativ-e. Wer geht heute noch "zu Bette"? Wer spricht noch "dem Weine" zu – wenn nicht ironisch? Fremd muten auch altertümliche Wendungen an: "mit sorglichem Blicke". Der Duden vermerkt hierzu: "meist von der älteren Generation verwendet". So alt sehen Sie doch noch gar nicht aus, Herr Tingler. Und wer kennt das Wort "Herableid"? Es muss aus prähistorischen Zeiten stammen – irgendwo zwischen Jungpaläolithikum und Altsteinzeit –, denn noch nicht mal das Wörterbuch der Brüder Grimm verzeichnet es. So antiquiert die Sprache manchmal anmutet – zugegeben: durchaus vernachlässigbar –, hat auch der Plot etwas seltsam Gestriges, Klamottenhaftes: Frau lädt Vorgesetzten ein, um sich für den Job einer Professur zu empfehlen; Freundin platzt unvorhergesehen ins Geschehen und sprengt mit Gemeinheiten die Abendgesellschaft – Karriereplanung futsch! Das war’s dann auch schon. Yasmina Reza im Slapstick-Format.

Aber – und das ist unser stilles Leserglück – wir befinden uns mitten in der Welt der "bourgeois bohemians", mitten in Bobo-World also, und hier hat Ober-Bobo Tingler die absolute Deutungshoheit, das heißt: Hier kann er Sprachkraft zelebrieren, hier kann er Geist sprühen, was das Zeug hält. Es ist die Welt, in der die Männer handpikierte italienische Anzüge tragen, die Frauen taubengraue Deux-Pièces – und beide glattgelähmte Gesichter à la Joop. Man praktiziert Dinkelfasten und sucht Erleuchtung bei Yoga und Mindfulness-Weekends. Die Tage sind nicht grau, sie sind diorgrau. Und man kann sich einen Lüpertz leisten. Tingler-Welt at its best. Keiner kann diese spätmoderne Wellness- und Konsumgesellschaft samt ihrer Problemfiktionen und Luxusrivalitäten lustvoller und soziologisch überzeugender sezieren, keiner kann hier so blendend literarische Funken schlagen wie Philipp Tingler. Ein Martin Suter in gut. Allein seine Metaphern und Dialoge. Metaphern von solch poetischer Genauigkeit und Dialoge von so meisterlicher Boshaftigkeit, dass man niederkniet.

Eine alte Dame sieht etwa aus wie ein "sterbendes viktorianisches Kind" und die Haut eines betagten Herrn erinnert an ein "zerknülltes Stück Backpapier, das jemand gewaltsam wieder glatt zu streichen versucht hatte". Nichts Wolkiges hat das, keine rauchigen Nebelkerzen wie in der Bildersprache des derzeitigen Feuilletonlieblings Ocean Vuong. Warum Tingler allerdings seinen ohnehin schon seichten Plot auch noch doppelt (nach der misslungenen ersten Abendgesellschaft findet eine zweite statt, mit einem anderen Vorgesetzten, und die ganze Chose geht von neuem los), das erschließt sich nur dem Autor selbst. Wahrscheinlich waren einfach noch etwas Häme und ein paar Gags übrig. Schade, der Mann kann mehr; künstlerisches Risiko heißt das Zauberwort. Die Empfehlung kann also nur lauten: Kaufen Sie das halbe Buch zum halben Preis – Sie werden viel Freude haben.

Philipp Tingler: Rate, wer zum Essen bleibt. Roman. Verlag Kein & Aber, Zürich 2019. 208 Seiten, 20 Euro
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