Ein Fest der Auferstehung

Michael Baas

Von Michael Baas

Do, 10. Oktober 2019

Rock & Pop

Hellmut Hattler und seine Band im Burghof in Lörrach.

Hat Musik heilende Wirkung? Hellmut Hattler wirkt wie das personifizierte Ja auf diese Frage. Vor zwei Jahren sei er fast "abgekratzt", gewährte der E-Bassist den rund 120 Besuchern im Foyer des Lörracher Burghofs schwäbisch-derb Einblick in sein Privatleben. Auf der Bühne und im Zusammenspiel mit den, wie er wiederholt betont, "überqualifizierten" Begleitern des schlicht Hattler benannten Quartetts aber sind dem 67-Jährigen die Leukämie-Befunde und die damit verbundenen therapeutischen Torturen nicht anzumerken. Im Gegenteil: Die Finger und das obligatorische Plektrum fliegen wieder über die vier Saiten, der Bass greift wiederholt virtuos und solistisch ins Geschehen ein. Mitunter hüpft Hattler gar wie ein Jungspund. "Ein Fest" nennt er dieses Lörrach-Debüt irgendwann gar. Das trifft es durchaus – auch musikalisch.

Das Repertoire dieses Wiederauferstehungsfestes mäandert mit Stücken wie dem früh im Set angesiedelten aufgeregt-prickelnden "Waiting" oder dem am Ende eher balladesken, ruhiger fließenden "So slow" durch ältere Alben. Es stützt sich aber auch auf neueres Material wie "Love and Freedom" von 2016 und auch brandneue im Krankenhaus entstandene Stücke wie "Teaser" und "Dimitiri", die in der zweiten Hälfte zu hören sind. Musikalisch ergibt diese Auswahl ein breites Spektrum: Da finden sich treibender Jazzrock, Acid-Jazz und Angerapptes. Da gibt es Psychedelisches mit repetitiven Patterns, die trancehaften, Rave-artigen Sog stimulieren. Da halten elektronische Effekte, glasige und pulsende Töne, die wie Frequenzlinien durch die Arrangements flackern, in Atem. Da mutieren perkussive Collagen zu packenden Rhythmen.

So erzeugen Hellmut Hattler und die Band mit Torsten de Winkel (Gitarren, E-Sitar), Oliver Rubow (Drums) und Fola Dada (Gesang) mitreißenden Groove. Da wechseln leise, lyrische Solo- oder Duo-Passagen ab mit lauten, wuchtigen Klangclustern. Da verschmelzen der Flow der Improvisation und die "Ästhetik der Maschinen" (Hattler) zu einem einzigartigen Amalgam. Da stehen jazzig inspirierte Quartett- neben rockigen Instrumentalpassagen im Trio wie in dem per E-Sitar klanglich indisch angereicherten "Delhi News" – ein Höhepunkt. "Willkommen" habe er sich im Burghof gefühlt, schilderte Hattler im späten Begrüßungsblock und ein Grund mehr, die "Auferstehung" hier nicht beim Debüt zu belassen.