Ein Puff-Boss, der teilen wollte

Das Gespräch führte

Von Das Gespräch führte

So, 17. November 2019

Literatur & Vorträge

Der Sonntag Rocko Schamoni hat Wolli Köhler und dem St. Pauli der 60er Jahre ein Denkmal gesetzt.

Wolli Köhler war ein malender und lesewütiger Kiez-Boss, der den ersten kommunistischen Puff gründen wollte. Rocki Schamoni hat ihm mit dem Buch "Große Freiheit" ein Denkmal gesetzt. Nächsten Samstag liest er daraus

in Freiburg.

Der Sonntag: Er ging laut Ihrem Buch "immer volles Risiko", er hat "gebrannt", wollte dem Leben "all seine Kostbarkeiten abtrotzen". War es das, was Sie an der Beschäftigung mit Wolli Köhler gereizt hat?

Das, was Sie gerade beschreiben, das hatte Wolli Köhler am Ende seines Lebens immer noch, als er 85 war. Wenn er sich auf eine Debatte eingelassen hat, über Literatur oder über Kunst, hat er komischerweise immer noch total gebrannt. Als ich ihn kurz vor seinem Tod kennenlernte, konnte ich mit ihm über alles reden. Er hat ja die letzten sieben Jahre seines Lebens seine Wohnung nicht mehr verlassen, hat in einem Hartz-IV-Sarkophag gelebt und kannte sich trotzdem mit allem aus, hat seinen Radar offengehalten.
Der Sonntag: Wie wurden Sie auf ihn aufmerksam?

Durch das Buch "Interviews aus dem Palais d’ Amour" von Hubert Fichte. Es war das erste in Deutschland erschienene Interviewbuch mit Menschen aus dem Rotlicht-Milieu. Mit Huren, Strichern, mit dem Puff-Boss Wolli Köhler. Ich war fasziniert von der Offenheit, mit der die Leute auf Fichtes Fragen reagiert haben. Dann habe ich Köhler persönlich kennengelernt. Er war so arm, dass er Bilder aus seiner Sammlung verkaufen musste, die mir angeboten wurden. Bis dahin dachte ich, Köhler wäre vielleicht doch nur eine erfundene Figur. Auf einmal stand ich ihm gegenüber und er fing an zu erzählen.
Der Sonntag: Schon bevor es ihn auf St. Pauli verschlug, stolperte er von einem Job und einer Stadt zur nächsten. Das Wandervogelhafte, das Unstete, hat Sie auch das an Köhler interessiert?

Ja. Ich lasse mich in meinen Inhalten stets von randständigen Figuren inspirieren. In meiner Jugend habe ich ja auch alles getan, um so weit wie möglich an den Rand der Gesellschaft zu kommen. Er war ein Dropout, ein Aussteiger, er flüchtete vor seinem Vater, der ein alter Nazi war, ließ sich durch die Welt treiben. Sowohl auf St. Pauli als auch in die eigentlich ziemlich fragwürdige Position eines Kiez-Bosses ist er mehr durch Zufall gekommen. Und er war, soweit ich das gehört habe, der einzige Kiez-Boss, der anders war. Der nicht nur dem Geld nachgejagt ist, sondern eine Art Hippie-Salon-Kommunist war. Er hat mit dem Gedanken gespielt, seinen Puff zum ersten kommunistischen Puff der Welt zu machen. Das gibt es im Rotlichtmilieu nicht, aber er war so. Als er anfing, war vieles anders. Es gab eine andere Sexualmoral, keine Porno-Kinos oder -Zeitschriften. Ich will gar nicht sagen, dass es eine positive Liberalisierung von ihm war, das erste Porno-Kino auf dem Kiez aufgemacht zu haben. Fakt ist, dass er es getan hat, in seiner Wohnung, es gab deswegen Razzien bei ihm.
Der Sonntag: Nun ist ein Puff ein ziemlich schwieriges Milieu, um Idealist zu sein. Wie ernsthaft war er für Sie der kommunistische Puffbesitzer, wie realistisch ist es überhaupt, so etwas sein zu wollen?

Das ist die Frage, auf die ich immer wieder stoße und die natürlich zu Recht gestellt wird. Ich glaube, gerade im Nachhinein, dass bei seiner Selbstdarstellung ein gehöriger Schuss Koketterie dabei war. Er war kein dummer Mensch und hat begriffen, dass es cooler ist, ein kommunistischer Dandy gewesen zu sein als ein stinknormaler Zuhälter. Der ist er ja nicht gewesen, wie er immer betonte. Als Puff-Boss vermietete er Räume an Huren. Ein Zuhälter ist quasi der private "Beschützer" einer Hure, aber eigentlich ihr Ausbeuter. Davor hat er sich immer verwahrt. Letztlich klar, er wollte sich vor mir und vor Hubert Fichte so gut wie möglich darstellen, komplett durchdringen kann ich nicht, ob er kein Ausbeuter im klassischen Sinne war.
Der Sonntag: Er soll auch Frauen geschlagen haben?

Genau. Das erzählte er sogar so. Er sagte: "Die Alten haben mir gesagt, das musst du so machen, sonst rennen dir die Frauen weg." Dann hat er es angeblich ausprobiert und erkannt, dass er der Falsche dafür ist und es anders geht. Allein mit seinen Zimmerpreisen von 30 Mark pro Tag im Jahr 1970 war er ein Ausbeuter. Aber er hat den Frauen ab 1971 angeboten, die Gewinne auf einen Haufen zu schmeißen und aufzuteilen. Das wurde nicht umgesetzt, weil die Zuhälter Sturm liefen.

Der Sonntag: Sehen Sie sich mehr als Dokumentarist, der die Fakten aus Interviews möglichst genau zusammenbauen will, oder als Autor, der unterhalten will?

Es ist beides. Ich habe einen sehr, sehr genauen und fünf Meter breiten Zeitplan an meine Wand zu Hause gehängt. Mit allen wichtigen Zeitereignissen und denen aus dem Leben der Protagonisten. Daran habe ich mich abgearbeitet. Wie hat Wolli Köhler wohl über John F. Kennedy gedacht? Ich habe ihm auch Worte in den Mund gelegt, ich wusste nicht, was er bei der Ermordung Kennedys dachte. So habe ich Monologe und Dialoge erfunden. Aber seine Haltung stimmt und es finden sich viele Originalzitate von Wolli Köhler. Der Wahrheitsgehalt ist also sehr hoch. Trotzdem muss man einiges "zurechtbiegen", um das Buch lesbar zu machen.
Der Sonntag: Längst hat St. Pauli den Charme verloren, der ihm in der von Ihnen beschriebenen Zeit nachgesagt wurde. Durch die bekanntesten Straßen quält sich ein Strom von Schaulustigen. Wie sehen Sie den Unterschied zwischen einst und heute?

Der Mahlstrom, den Sie beschreiben, ist immer der gleiche geblieben. Es gibt alte Fotos, die schon in den 60er Jahren die Massen von vollbesoffenen Leuten, die überall rumhängen, zeigen. Es wurde ein wenig "durchgesäubert", man sieht nicht mehr so viel Prostitution, es gibt ein paar Supermärkte mehr. Es ist noch stromlinienförmiger, so dass man das Geld maximal aus den Leuten herausholen kann. In den 60ern gab es noch die Clubkultur, die damals erst aufkam. Es gab ja damals in Hamburg noch keine moderne Popmusik, nur ein paar Bands, die Chart-Songs nachgespielt haben.

Der Sonntag: Und nicht nur aufkam, sondern eine extreme Blüte erlebte . . .

Ja, insbesondere der Starclub. Es gab zu dieser Zeit vielleicht vier Clubs auf der Welt, die sein Format hatten. Es gab keine größeren Bands weltweit als die, die dort Tag für Tag aufgetreten sind. Bis auf Elvis Presley.

Der Sonntag: Wenn Sie sich Wolli Köhler heute vorstellen, wie es ihn von seinem Dorf in Sachsen auf die Große Freiheit in St. Pauli verschlägt: Wie würde es ihm ergehen?

Das wäre alles so nicht mehr möglich. Alles ist durchleuchtet, auch von der Steuer und der Polizei. Ich war vor kurzem im "Palais d’ Amour", dort herrscht nun maximale Transparenz, die Polizei kann jederzeit durch alle Räume, jeder Arbeitsplatz ist angemeldet. Zu Wollis Zeiten gab es Untergrund, versteckte Welten. Dafür gibt es jetzt die Großbordelle am Rand der Stadt zwischen Autohäusern, wo Frauen auch unfreiwillig hintransportiert werden. Ich will nicht der Prostitution das Wort reden, sie tut weder den Frauen noch den Freiern gut. Höchstens einigen wenigen, die ihre Hand aufhalten. Das Gespräch führteOtto Schnekenburger
Rocko Schamoni, "Große Freiheit", hanserblau, 20 Euro
Lesung: Samstag, 23. November, 20 Uhr, E-Werk, Eschholzstraße 77, Freiburg, Tickets: 0761 /496 88 88

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