Interview

Einige Gedanken über den Modebegriff "Narrativ"

Thomas Steiner

Von Thomas Steiner

Sa, 01. September 2018 um 20:38 Uhr

Kultur

BZ-Plus Eine demokratische Kunst: Der Germanist Albrecht Koschorke spricht im BZ-Interview über den Modebegriff "Narrativ" und die Frage, warum Menschen Erzählungen brauchen.

rüher sprach man von Ideen, die jemand hat, oder von Ideologien, die hinter etwas stecken. Heute ist überall die Rede von "Narrativ" und "Erzählung": Nachdem im Januar Union und SPD ihre Koalitionsgespräche beendet hatten, sagte Juso-Chef Kevin Kühnert zum Ergebnis: "Es fehlt eine Idee, eine Erzählung." Die Schauspielerin Gal Gadot lobte ihren Film "Wonder Woman" in der BZ: "Je mehr wir weibliche Narrative haben, umso besser." Ein Medienwissenschaftler bescheinigte letztes Jahr Politik und Presse, sie folgten in der Flüchtlingsfrage einem "Narrativ Willkommenskultur". Was hat es mit diesem Begriff auf sich? Ein Gespräch mit dem Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke.

F
BZ: Herr Koschorke, teilen Sie den Eindruck, dass der Begriff des Narrativs mittlerweile weit verbreitet ist?
Koschorke: Ja. Der Begriff ist in die Breite gegangen, er ist in der Politik angekommen, in der Wirtschaft, im Investmentbereich. Auch dort, wo man ihn nicht vermuten würde, spielt er eine große Rolle. In der Medizin gibt es einen ganzen Forschungszweig, in dem es um Patientennarrative geht, im Bereich der Therapie. Es ist ganz offensichtlich, dass dieser Begriff zu einer Generalformel geworden ist.

BZ: Was genau ist denn damit gemeint?
Koschorke: Eine Definition, die nützlich sein kann: Ein Narrativ ist eine kollektiv wirksame Erzählung. Nicht jede Story, die jemand erzählt, ist ein Narrativ, man erzählt sich ja viel. Die Frage ist: Macht es die Runde, finde ich damit Zuhörer? Hat meine Erzählung etwas, das sich verallgemeinern lässt, ist sie etwas, das andere aufnehmen können? Wenn das so ist, wenn es so etwas wie ein allgemeines Erzählmuster wird, dann würde ich von einem Narrativ sprechen.

BZ: Ist es so, dass Menschen Narrative nicht nur nutzen, sondern sogar brauchen?
Koschorke: Seit es Menschen gibt, seit es Sprache gibt, gibt es auch das Erzählen. Man spricht ja vom Homo narrans, vom erzählenden Menschen. Offensichtlich gehört das Narrative zur menschlichen Evolution. Warum das so ist, dazu gibt es verschiedene Theorien. Häufig wird gesagt, Erzählungen seien dazu da, Sinn zu stiften. Ich glaube, dass sie auch dazu da sind, Sinnzumutungen abzuweisen. Sinn ist nicht nur eine positive Kraft, Sinn kann auch anstrengend sein. Aber die großen kollektiven Erzählungen stiften auf jeden Fall Sinnhorizonte.

BZ: Eine der großen Erzählungen ist die ...

BZ-Plus-Artikel

Einfach registrieren und Sie können pro Monat 10 Artikel kostenlos lesen - inklusive BZ-Plus-Artikel und BZ-Archiv-Artikel.

Gleich können Sie weiterlesen!

Exklusive Vorteile:

  • 10 Artikel pro Monat kostenlos
  • BZ-Plus-Artikel lesen
  • Online-Zugriff auf BZ-Archiv-Artikel
  • Qualitätsjournalismus aus Ihrer Heimat
  • An 18 Standorten in Südbaden – von 150 Redakteuren und 1500 freien Journalisten
  • Verwurzelt in der Region. Kritisch. Unabhängig.
  • Komfortable Anzeigenaufgabe und -verwaltung
  • Weitere Dienste wie z.B. Nutzung der Kommentarfunktion
  • Zugang zu mehreren Portalen der bz.medien: badische-zeitung.de, fudder.de und schnapp.de

* Pflichtfelder

Anmeldung

* Pflichtfelder

Meine BZ