Irrfahrt der Sinne

Jürgen Reuß

Von Jürgen Reuß

Sa, 08. September 2018

Kultur

BZ-Plus Stanley Kubricks Film "2001 : Odyssee im Weltraum" wird 50 – Noch heute berauscht sich das Publikum an den Bildern /.

Der Sonnenaufgang im Weltall zu Richard Strauss’ sinfonischer Dichtung "Also sprach Zarathustra", Walzer tanzende Raumschiffe – das sind Filmszenen, die sich unauslöschlich in das kollektive Bewusstsein ganzer Kinogenerationen eingebrannt haben. Oder der Knochen, der höher und höher in die Luft fliegt, im freien Fall zur Erde zurückkehrt, unvermittelt zum Weltraumgefährt wird, das in der Schwerelosigkeit des Alls die Flugkurve des Knochens fortsetzt. Match Cut nennt die Filmsprache diese spezielle Schnitttechnik, bei der ein ähnlich geformtes Objekt die Bewegung des Ursprungsobjekts aufnimmt, und es ist der virtuose Umgang mit solchen filmischen Stilmitteln, der Stanley Kubricks "2001: Odyssee im Weltraum" zum Meilenstein der Kinogeschichte macht. Am 11. September 1968 durften deutsche Kinogänger erstmals die Eleganz bewundern, mit der sie dieser wohl berühmteste Match Cut der Filmgeschichte übergangslos auf einen Zeitsprung von vier Millionen Jahren mitnimmt und dabei gleichzeitig, ohne ein einziges erklärendes Wort, eine ganz eigene Evolutionsgeschichte der Menschheit erzählt.

Die Geschichte, die Kubrick mit diesem suggestiven filmischen Kniff über die Menschwerdung anbietet, ist nicht sehr schmeichelhaft. Am Anfang stehen zwei Kränkungen. Die erste besteht darin, dass ohne fremde Hilfe auf der Erde gar nichts vorangegangen wäre. Damit der Knochen überhaupt hochfliegen kann, muss eine außerirdische Macht in Gestalt eines rätselhaften schwarzen Monolithen der irdischen Evolution kräftig auf die Sprünge helfen. Hätten unsere Urahnen dieses Ding aus einer anderen Welt nicht berührt, würden wir uns heute noch ohne einen Funken Verstand gegenseitig das Fell lausen.

Und was haben wir, zweitens, aus dem Geschenk des Verstandes in den vier Millionen Jahren, die Kubrick mit einem einzigen Schnitt überbrückt, gemacht? Statt der ersten primitiven Knochenkeule, mit der gerade noch ein Menschenaffe den Schädel eines Widersachers zertrümmert hat, haben wir nun das modernste Rüstungserzeugnis der Zukunft, einen Todessatelliten.

Kubricks ...

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