Liebesglück und Lebensleid

Martin Schwickert

Von Martin Schwickert

Do, 10. Oktober 2019

Kino

DRAMA:"Dem Horizont so nah".

Jessica (Luna Wedler) kann ihr Glück beim ersten Date kaum fassen: Luxuslimousine, französisches Essen, romantische Eichendorff-Zitate unterm nächtlichen Sternenhimmel – Danny (Jannik Schümann) hängt sich echt rein, um ihr Herz zu erobern. Verdammt hübsch ist er auch noch und verdient gutes Geld als Unterwäsche-Model. Aber wie so manche geübte Leserin zeitgenössischer romantischer Literatur schon bald ahnt: Wenn ein Kerl so perfekt daherkommt, lauern irgendwo tief drin in diesem Luxuskörper seelische Abgründe. Aber hier sind es nicht sadistische Lustfantasien wie in "Fifty Shades of Grey" oder eine heimliche Vampirexistenz à la "Twilight": Was die Liebe belastet, ist eine deutlich realistischere Problemlage.

"Wir haben alle Zeit der Welt" sagt Jessica, als Danny sich nicht so recht auf ihre schwer verliebten Annäherungen einlassen will. "Eben nicht" antwortet dieser und lässt nach knapp 45 Filmminuten die Katze aus dem Sack: Nicht nur eine düstere Kindheit mit schweren sexuellen Missbrauchserfahrungen, sondern auch eine HIV-Infektion bringt er als Ballastgepäck mit in die Beziehung ein.

Mit "Dem Horizont so nah" versucht Tim Trachte, der nach Frühwerken wie "Abschlussfahrt" und "Vampirschwestern 3" nicht gerade zu den Hoffnungsträgern des hiesigen Kinos gehört, eine deutsche Version von "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" in Szene zu setzen.

Aber dafür fehlt es der autobiografischen Romanvorlage von Jessica Koch beträchtlich an lebensphilosophischer Tiefe – und dem Regisseur an der notwendigen Herzschmerz-Sensibilität. Ohne Gespür für Zwischentöne geht Trachtes plumpe Inszenierung immer in die tragisch-romantischen Vollen. Dabei bewegen sich gerade die emotionalen Ausbrüche Jannik Schümanns hart an der Grenze zur unfreiwilligen Komik. Weit darüber hinaus hingegen wagt sich die pseudo-romantische Soundtrack-Soße, die sogar den Foreigner-Gassenhauer "I Want To Know What Love Is" mit einschließt. Einziger Lichtblick: Luna Wedler ("Das schönste Mädchen der Welt"), die eine emotionale Authentizität versprüht, wie sie diese Routine-Schmonzette nicht verdient hat. (Läuft flächendeckend, ab 12.)