Spielarten des Verschwindens

Thomas Schaefer

Von Thomas Schaefer

Sa, 16. November 2019

Literatur & Vorträge

"Adorno wohnt hier nicht mehr": In seinen neuen Erzählungen gibt sich Jochen Schimmang der Abwesenheitspflege hin.

Adorno wohnt hier nicht mehr. Aber nicht nur er: auch an Peter Kurzeck, Wilhelm Genazino und den früh und tragisch verstorbenen Wolfgang Maier, der mal als großes Talent der deutschen Lyrik-Szene galt, erinnert Jochen Schimmang in einem Text, der eine Hommage an Frankfurt am Main als ehemaliges "Zentrum der deutschen Gegenwartsliteratur" darstellt. In dieser Titelgeschichte seines neuen Bandes mit Erzählungen – mit 80 Seiten dessen umfangreichste – outet sich Schimmang, 1948 im niedersächsischen Northeim geboren, in Oldenburg lebend und sich in seinen Büchern als Anhänger nördlicher und westlicher Örtlichkeiten positionierend, überraschenderweise als großer Liebhaber Frankfurts. In der autobiografischen Erzählung berichtet er von seinem Versuch, als Student dort unterzukommen, und spielt mit der Frage, was aus ihm geworden wäre, wenn er dorthin und nicht, wie im wirklichen Leben, nach Berlin gezogen wäre: "alles in meinem Leben wäre anders gekommen, hätte ich an Frankfurt festgehalten": "So aber blieb Frankfurt für mich die große, nicht genutzte Möglichkeit meines Lebens, und dafür habe ich die Stadt immer geliebt."

"Frankfurt als Wille und Vorstellung" ist also auch ein imaginärer Raum, eine fruchtbare Symbiose "aus Geld und Geist". Immerhin im geistigen Frankfurt ist Jochen Schimmang angekommen: Vor 40 Jahren erschien dort sein erfolgreicher Debütroman "Der schöne Vogel Phönix" – selbstverständlich bei Suhrkamp, ein anderer Verlag kam für den jungen Adorno-Bewunderer nicht in Frage. Auch Suhrkamp "wohnt" hier nicht mehr, sondern in Berlin, und an der Stelle des in seiner sachlichen Eleganz die "Suhrkamp-Kultur" repräsentierenden Verlagshauses in der Lindenstraße steht jetzt eine austauschbare Wohnanlage. Sie besucht Schimmang mit seinem Gastgeber und Begleiter Wolfgang Utschick, der wie Schimmang 1979 bei Suhrkamp debütiert hat, auf mäandernden Stadtgängen, die – Zeiten und Orte souverän verknüpfend – durch die eigene Biografie und die bundesdeutsche Geistesgeschichte führen. Das ist jener Schimmang, dem das Etikett eines "Archivars der verschwundenen Dinge" anhaftet – das eines Melancholikers sowieso.

Auch Suhrkamp

wohnt hier nicht mehr

Doch die sieben Erzählungen des Bandes, ihre feine Sprache und ihre austarierte Gesamtkonzeption, zeichnet eher so etwas wie heitere Gelassenheit (oder gelassene Heiterkeit) aus, mit der unterschiedliche Spielarten des Verschwindens angerissen werden: Ein Schelmenstück ist die Geschichte "Gutermuth und Rothermund", in der das Abtauchen eines Malers erfunden wird; geradezu klassisch angelegt "Gott um halb sieben", in der eine Frau in einer Kirche zwar nicht den verschwundenen Geliebten wiederfindet, dafür aber möglicherweise Gott; von losgelöster Freude an höherem Unsinn "Happy Birthday, alter Künstler", in der selbiger sich an seinem Geburtstag vor anrückenden Freunden in Sicherheit bringt. Da begegnen wir einer "Abwesenheitspflegerin", die nach dem deutschen "Verschollenheitsgesetz" Verschwundenen nachspürt.

Und in "Herr Rutschky oder Der Optimismus", einem Selbstinterview, erinnert sich Schimmang an seine Beziehung zu dem 2018 verstorbenen Publizisten Michael Rutschky und setzt dessen Geschichtsoptimismus seine eigene skeptische Haltung sowie eine rare Gewissheit entgegen: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen", lautet das bekannteste Adorno-Zitat – für Schimmang "der einzig unumstößliche Satz, dem ich in meinem Leben begegnet bin". Ihn zitiert er ebenso zwei Mal wie die Anekdote, nach der sich Adorno in einem Schrank vor einem unliebsamen Besucher verborgen hat.

Schon immer war das Verschwinden ein Leitthema Schimmangs: Es steht als freiwillig vollzogener Akt für Abgrenzung, Verweigerung, Schutz der Privatsphäre, Freiheit – ein Gedankenspiel, das Möglichkeitsräume eröffnet. "Das Schönste an der Welt wird für mich immer mehr und mehr, dass man noch immer aus ihr verschwinden kann", lässt Schimmang eine Figur bekennen: "Das ist meine Art der Weltfrömmigkeit". Vielleicht die einzig bleibende.

Jochen Schimmang: Adorno wohnt hier nicht mehr. Erzählungen. Edition Nautilus, Hamburg 2019, 206 Seiten, 20 Euro.