TIPP DES MONATS

Ingrid Mylo

Von Ingrid Mylo

Sa, 16. November 2019

Literatur & Vorträge

Schräger Humor

Clarice Lispector: Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau. Erzählungen. Aus dem Portugiesischen von Luis Ruby. Penguin Verlag, München 2019. 414 Seiten, 24 Euro.

Die Frauen, die vor Tagtraum und Trunkenheit fast vergehen, wollen leben: Auch wenn das heißt zu leiden. Ein Kaugummi kauender Blinder oder der Goldzahn einer Cousine bringt sie aus der Fassung, und die Frage, ob sie Rosen verschenken oder behalten sollen, stürzt sie ins Dilemma. Während sie auf Männer warten, über Eier räsonieren oder im Botanischen Garten spazieren gehen, denken sie Sätze wie:"Und der Tod war nicht, was wir dachten". Lispectors Erzählungen sind wortgewordene Erregungszustände: ihre Wahrnehmung wie entzündet, ihre Nerven in knisterndes Seidenpapier geschlagen. Und die Stellen, die sie wieder und wieder umformuliert, weil sie den Rhythmus von Wiederholungen liebt, zerspringen vor schrägem Humor. Zärtliche Lügen

Jamel Brinkley: Unverschämtes Glück. Erzählungen. Aus dem Amerikanischen von Uda Strätling. Verlag Kein & Aber, München 2019. 325

Seiten, 22 Euro.

Sie treiben verloren durch die Stunden, die Männer aus ungeordneten Verhältnissen: auf der Suche nach einem unverbindlichen Abenteuer, einer neuen Familie, einem Moment der Erlösung. Wenn sie klein sind, nehmen sie Zuflucht zu Phantasietieren oder unsichtbaren Freunden, sind sie in die Jahre gekommen, schleppen sie Schuldgefühle mit sich herum. Wenn einer mal "unverschämtes Glück" hat, währt das nicht ewig: Seine Frau verlässt ihn, weil sie auf seinem Handy Fotos anderer Frauen entdeckt, die er in der U-Bahn gemacht hat. Brinkley kann vermitteln, dass Lügen manchmal Zärtlichkeiten sind, um Alter und Einsamkeit zu mildern – und so schreiben, als würde er aus den Resten einer Silvesterfeier bizarre Objekte basteln. Körperliches Denken

Kjersti A. Skomsvold: meine gedanken stehen unter einem baum und sehen in die krone. Roman. Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein. Verlag Hoffmann & Campe, Hamburg 2019. 125 Seiten, 20 Euro.

Sie hat Schwierigkeiten zu schlafen und hegt phantastische Befürchtungen, ist überfordert von der Realität, ihren Rätseln und Zumutungen. Ein gezogenes Messer, ein verstecktes Lachen, Kindernamen auf einem Grabstein: Was sie wahrnimmt und ihrer Zweitgeborenen erzählt, wirkt, als würden Traumreste darin schwelen. Kjersti A. Skomsvold ist eine der Autorinnen, die Denken als körperlichen Vorgang erfahrbar machen: Alles ist Empfindung, Eindruck, bevor es Wort wird und Satz. Das tickt sie raus, ein Metronom, das den Takt vorgibt, ein Sekundenzeiger, der stetig weiterrückt. Etwas lebt, etwas vergeht, und dabei entsteht die Welt noch einmal: nicht ganz neu, aber ganz anders.