Blaulichtunfälle

Das Unfallrisiko für Retter ist hoch – aber genaue Zahlen gibt es nicht

Vanessa Köneke

Von Vanessa Köneke (dpa)

Di, 11. Juni 2019 um 21:22 Uhr

Panorama

Sie dürfen im Einsatz über rote Ampeln fahren und Geschwindigkeitsbegrenzungen missachten: Rettungsdienst, Polizei und Feuerwehr sind durch diese Rechte auch besonders unfallgefährdet.

Drei Unfallmeldungen aus den vergangenen Wochen, bei denen die Retter selbst zu Opfern wurden oder ein Rettungseinsatz zu weiteren Verletzten führte: So krachten ein Feuerwehrauto und ein Rettungswagen auf dem Weg zu einem Einsatz in Unterfranken ineinander. In München prallte ein Rettungswagen mit einem Taxi zusammen. In Berlin verteilten sich Trümmer, als ein Rettungswagen mit einem Auto zusammenstieß, der Pkw-Fahrer wurde schwer verletzt. Solche Unfälle bedeuten, dass nötige Hilfe nicht ankommt.

Wie oft kommen solche Unfälle vor?

Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung hat Zahlen ausgewertet. Demnach gab es von 2015 bis 2017 bundesweit 470 Einsatzfahrtunfälle. Allerdings sind dies nur Unfälle, bei denen nicht verbeamtete Einsatzkräfte mehr als drei Tage arbeitsunfähig waren. Unfälle von Beamten und glimpflichere Unfälle sind nicht enthalten. Und es sind nur Hochrechnungen.

Wer eine repräsentativere Antwort sucht, trifft meist auf folgende Angaben: 17 Mal häufiger als andere Verkehrsteilnehmer würden Rettungsfahrzeuge im Blaulichteinsatz in Unfälle mit Sachschaden verwickelt, in einen Unfall mit Verletzten vier Mal so oft.

Alle 19 Sekunden erlebten Rettungskräfte eine kritische Situation wie das Überholen auf enger Fahrbahn. Besonders Fahrten mit Blaulicht und Martinshorn seien gefährlich: Verglichen mit anderen Einsätzen sei das Risiko eines tödlichen Unfalls vier Mal höher.

Die Zahlen sind veraltet

Diese Zahlen sind weit verbreitet. Doch sie sind alt. Sie stammen aus zwei 1986 und 1994 veröffentlichten Projekten der Bundesanstalt für Straßenwesen (Bast). Neuere Daten bleiben stichprobenhaft: Mal hat eine Mitarbeiterin des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) Zeitungen ausgewertet, mal ein Diplomand Fragebögen an Feuerwehren und Polizeidienststellen verschickt. "Unfälle bei Einsatzfahrten werden eher unter den Teppich gekehrt", sagt der Münchner Anwalt Alexander Stevens. Er hat für seine Doktorarbeit untersucht, wie Gerichte, Staatsanwaltschaften, Polizei und Rettungsdienste Unfälle behandeln. Verfahren und Urteile gibt es dem Ergebnis zufolge kaum.

Kleine Anfragen in Landesparlamenten geben laut Verkehrsrechtsprofessor Dieter Müller von der Polizeihochschule Sachsen Einblicke: Thüringens Polizei verzeichnete von 2009 bis 2011 knapp 1700 Unfälle. In Hamburg gab es 2012 laut einer Kleinen Anfrage 41 Unfälle bei der Polizei, 61 mit Feuerwehrfahrzeugen und 137 im Rettungsdienst der Feuerwehr.

Fachleute vermuten, dass die Unfallhäufigkeit zunimmt, da die Verkehrsdichte steigt. Deshalb lernen Einsatzkräfte, nicht rechts zu überholen und die Geschwindigkeit vor Ampeln zu reduzieren. Experten weisen auf Fehler von Autofahrern hin. Das Herannahen eines Einsatzwagens löse Stress aus und führe "zu teilweise unvorhersehbaren Reaktionen beziehungsweise Fahr- und Bremsmanövern", sagt ein Sprecher der Polizei Unterfranken. Bernd Spengler, Fachanwalt für Rettungsdienstrecht in Würzburg, beobachtet, dass manche glauben, sofort rechts ranfahren zu müssen. "Aber manchmal macht man die Fahrbahn schneller frei, wenn man erst ein paar Meter weiterfährt."