Gefundenes Fressen

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Von dpa

Mi, 22. Mai 2019

Panorama

Babyhaie ernähren sich unter anderem von Singvögeln, die über dem Meer schlapp machen.

CHICAGO (dpa). Neugeborene Tigerhaie haben einen ungewöhnlichen Speiseplan: Sie fressen Singvögel, die eigentlich an Land leben. Was auf den ersten Blick kaum zusammenzupassen scheint, lässt sich leicht erklären: Augenscheinlich sammeln sie bevorzugt erschöpfte Zugvögel aus dem Meer, wenn ihnen ein solcher Happen vors Maul fällt. Das berichtet eine amerikanische Forschergruppe um Marcus Drymon von der Mississippi State University in der Fachzeitschrift Ecology.

Tigerhaie haben den Ruf, die "Müllschlucker des Meeres" zu sein. Sie haben das breiteste Nahrungsspektrum aller Haie und fressen fast alles, von Delfinen über Meeresschildkröten bis hin zu Reifen und anderem Müll. Aber bevor die Tiere zu ihrer vollen Größe von teils über fünf Metern heranwachsen, haben junge Tigerhaie eine ganz besondere Vorliebe. Diese überraschte sogar die Forscher: "Wenn Tigerhaie ein leichtes Fressen finden, schnappen sie zu", sagt Mitautor Kevin Feldheim vom Field Museum in Chicago laut einer Mitteilung des Museums. "Aber ich hatte nicht erwartet, dass die Haie Singvögel fressen – sondern vielmehr Meeresvögel." Dies sei der erste Nachweis, dass Tigerhaie Vögel fressen, die vorrangig an Land leben.

Der Grund: Die Haie sind Opportunisten, greifen also zu, wenn sich die Gelegenheit bietet. Sie fressen die Singvögel – darunter Sperlinge, Schwalben und Zaunkönige – vor allem zur Zeit des Vogelzugs. Die meisten Landvögel fielen den Haien im Herbst und im Frühling zum Opfer, also zu Zeiten, in denen Zugvögel unterwegs sind. "Die Zeit, zu der wir einen bestimmten Vogel im Magen eines Hais fanden, deckte sich immer mit der Zeit, zu der diese Vogelart besonders oft vor der Küste gesichtet wurde", berichtet Drymon. Die Tigerhaie schnappen sich demnach jene Vögel, die es nicht mehr über den Ozean schaffen. "Während ihrer Wanderung sind die Vögel erschöpft, sie werden müde oder fallen beispielsweise bei einem Sturm ins Meer", fügt Feldheim hinzu.

Die Forscher untersuchten im Zeitraum zwischen den Jahren 2010 bis 2018 insgesamt 105 Haie im Golf von Mexiko. Sie fingen die etwa einen Meter langen Jungtiere ein, pumpten ihnen den Magen aus und entließen sie danach wieder unversehrt zurück ins Meer. Der gesammelte Mageninhalt wurde anschließend untersucht – auch genetisch, da die gefundenen Vögel oft schon teilweise verdaut und daher schwer zu identifizieren waren.

Von den insgesamt 105 untersuchten Haien hatten 41 Vögel gefressen. "Darunter war nicht eine Möwe, kein Pelikan, Kormoran oder sonstiger Meeresvogel", fasst Drymon zusammen. "Es waren ausschließlich Landvögel – die Sorte, die in ihrem Garten wohnt." Die Forscher konnten insgesamt elf verschiedene europäische Vogelarten identifizieren, darunter Rauchschwalben, verschiedene Zaunkönige, aber auch Tauben, Spechte und Blässhühner.

Tigerhaie werden fast so groß wie Weiße Haie, sind aber etwas schlanker. Ihren Namen verdanken sie dem Tigermuster der Jungtiere. Dieses verblasst aber mit zunehmendem Alter. Tigerhaie leben in allen Ozeanen in tropischen und gemäßigten Küstenregionen und können auch Menschen gefährlich werden. Auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion IUCN werden Tigerhaie als potenziell gefährdet eingestuft.

"Alle Haie sind in Schwierigkeiten", sagt Kevin Feldheim. "Wir wissen nicht, inwieweit die industrialisierte Fischerei ihnen zugesetzt hat, aber die Bestände der meisten großen Raubtiere sind in den letzten Jahren stark zurückgegangen." Die vorliegende Studie erlaube neue Einblicke, wie die Tigerhaie leben, und könne so womöglich auch helfen, sie zu schützen.