Meerbaden fast ganz ohne Haie

Christoph Sator

Von Christoph Sator (dpa)

Di, 29. Oktober 2019

Panorama

Australiens legendäre Ocean Pools werden 200 Jahre alt.

SYDNEY. Sie gehören zu Australien wie die Kängurus, die Sydney-Oper und Crocodile Dundee: die Ocean Pools, die Schwimmbecken mit Meerwasser direkt am Strand. Viele bieten eine spektakuläre Kulisse, nur durch eine schmale Wand aus Beton vom offenen Ozean getrennt. Die Pools haben drei große Vorteile: keine Strömung, keine Wellen und auch keine Haie. In Australien ist das nicht ganz unwichtig. In diesem Sommer, der auf der anderen Seite der Erdkugel gerade erst beginnt, werden die Pools 200 Jahre alt.

Ihr Erfinder war ein englischer Generalleutnant namens James Morisset. Als Stadtkommandant von Newcastle – Australien war damals noch britische Sträflingskolonie – entschied Morisset im Sommer 1819, dass er einen privaten Platz zum Baden brauche. Also ließ er am Meer ein Becken in den Fels sprengen, das Häftlinge begradigen mussten. Heute gibt es auf dem fünften Kontinent mehr als 1000 solcher Ocean Pools.

Das "Bogey Hole" von Newcastle ist einer der kleinsten: sechseinhalb auf zehn Meter, im Schnitt nur anderthalb Meter tief. Kein Vergleich zum bekanntesten aller Pools: dem "Icebergs" in Sydney, am weltberühmten Bondi Beach. Dort schwimmt man in einem nahezu olympiatauglichen 50-Meter-Becken. Auch Touristen dürfen hinein, für umgerechnet knapp fünf Euro – zum Schwimmen oder auch nur, um Fotos zu machen. Seit Instagram populär ist, kommen jedenfalls noch mehr.

Viele trauten sich nicht ins Meer, auch wegen der Haie

Wer im "Bondi Icebergs Club" Mitglied werden will, muss jedoch einen Aufnahmetest bestehen. Dazu gehört, dass man fünf Winter in Folge an drei von vier Sonntagen geschwommen sein muss. Damit die Sache nicht zu einfach wird, werden zur Saisoneröffnung Eisblöcke ins Wasser gekippt. Das Wasser kann aber auch so ziemlich kalt sein. Außerdem krachen immer wieder Wellen ins Becken.

Manchmal, so die Veteranen, seien Ocean Pools "wie Schwimmen in der Waschmaschine". Einer, der es wissen muss, ist Kenton Webb. Der 49-Jährige aus Sydney verfolgt ein ehrgeiziges Projekt: jeweils 1000 Meter Schwimmen in 1000 Pools. 521 hat er schon. "Was ich an Ocean Pools mag? Den Geschmack des Wassers: echtes Meer. Die Farben: Grün, Blau, Türkis. Reines Weiß, wenn eine Welle kommt."

Die meisten Ocean Pools entstanden in den 1920er und 1930er Jahren, als Teil von staatlichen Bauprojekten während einer Wirtschaftskrise. Damals konnten viele Leute nicht richtig schwimmen und trauten sich nicht ins Meer. Und natürlich hatten viele Angst vor Haien. Davor ist man in den Pools weitgehend sicher. Alle paar Jahre wird aber doch ein Hai ins Becken gespült – in Sydney zuletzt im Oktober 2017. Eine Frau bugsierte das Ein-Meter-Tier schnell wieder ins Meer.

Zwischenzeitlich gerieten Ocean Pools außer Mode. Viele Städte bauten lieber Hallenbäder, die das ganze Jahr über genutzt werden können. Der neueste Ocean Pool stammt von 1969. Derzeit sieht es aber nach einem Comeback aus: Aktuell gibt es in einem knappen Dutzend Küstengemeinden neue Projekte.

Die Stadt Ballina begründet das wiederentdeckte Interesse so: "Wir leben in einer älter werdenden Gesellschaft. Die Ocean Pools erlauben Kindern wie Älteren das Schwimmen in der Natur ohne die Risiken des Meeres." Zudem sind Meerwasserbecken deutlich günstiger als Hallenbäder, die geheizt und gechlort werden müssen. Manche argumentieren auch, dass in Zeiten des Klimawandels Wasser-Ressourcen besser genutzt werden müssen.