"Menschenverachtendes Frauenbild"

Gerhard Kneier und dpa

Von Gerhard Kneier & dpa

Do, 11. Juli 2019

Panorama

Nach dem Mord an der 14-jährigen Susanna wird Ali B. zur Höchststrafe verurteilt / Richter spricht von "Hang zu maßloser Gewalt".

WIESBADEN (dpa). Als Mörder der 14-jährigen Schülerin Susanna aus Mainz ist Ali B. zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Die Wiesbadener Richter stellten am Mittwoch in ihrem Urteil zudem die besondere Schwere der Schuld fest. Eine vorzeitige Haftentlassung nach 15 Jahren ist damit für den irakischen Flüchtling so gut wie ausgeschlossen.

Der Angeklagte verfolgt die Urteilsverkündung ohne erkennbare Gefühlsregung – trotz der so eben verhängten Höchststrafe. Nebenklage-Vertreter Jörg Ziegler rechnet vor, dass Ali B. mit der festgestellten Schwere der Schuld wohl erst nach 22 Jahren aus der Haft entlassen wird. Und es könnten noch deutlich mehr Jahr werden, wenn B. auch in einem zweiten derzeit laufenden Verfahren verurteilt würde, dann könnten es sogar um die 30 Jahre sein. In dem weiteren Prozess muss sich der Iraker wegen der Vergewaltigung eines elfjährigen Mädchens verantworten. Das Verfahren findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Den Hang zur maßlosen Gewalt, aber auch sein menschenverachtendes Frauenbild hält der Richter Ali B. immer wieder vor. Aber auch das Fehlen jeglicher Empathie und Emotionen beklagt der Vorsitzende. Die Mutter habe sich zu Unrecht Mitschuld am Tod der Tochter gegeben, von Ali B., sei eine ernstzunehmende Entschuldigung und Übernahme von Verantwortung für die Tat ausgeblieben. Seine Verbrechen hätten aber nichts mit dem Flüchtlingsstatus oder der Nationalität von Ali B. zu tun, sondern allein mit seiner auf reine Bedürfnisbefriedigung ausgerichteten Persönlichkeit.

Mit dem Schuldspruch geht ein langer Prozess zu Ende, der für zahlreiche Diskussionen gesorgt hat. Das Landgericht sah es als erwiesen, dass der 22-Jährige Susanna vor mehr als einem Jahr in einem Waldgebiet in der Nähe des Wiesbadener Stadtteils Erbenheim vergewaltigt und ermordet hat. "Sie wollten dieses Mädchen, von dem Sie glaubten, dass Sie es einfach benutzen können", sagte Bonk. Die Tat zeige die frauenverachtende Einstellung von Ali B.

Eine Gutachterin hatte in dem Prozess von einer schweren Persönlichkeitsstörung mit psychopathischen Zügen bei Ali B. gesprochen. Mit weiteren Taten wäre höchstwahrscheinlich zu rechnen, hieß es in der Urteilsbegründung. "Es reicht aus, dass jemand in den Fokus Ihrer eigenen Bedürfnisse gerät", sagte Bonk.

Die Mutter der getöteten Susanna zeigt sich nach der Urteilsverkündung erleichtert. "Ich bin einerseits dankbar, dass das Urteil so ausgefallen ist. Aber auf der anderen Seite bringt mir das meine Tochter auch nicht zurück", sagte sie. Der Angeklagte habe unwiderruflich ein Menschenleben ausgelöscht, erklärte Staatsanwältin Kolb-Schlotter.

Weder Susannas Mutter noch die Freundinnen des Mädchens müssten sich vorwerfen lassen, irgendetwas falsch gemacht zu haben, erklärte Bonk. Am Ende des Prozesses stehe eines unumstößlich fest, sagt Bonk an Ali B. gewandt: "Allein Sie, niemand anderes, trägt die Schuld am Tod von Susanna". Ausdrücklich würdigte er das Verhalten von Susannas Mutter und ihre Zeugenaussage, die ihm Respekt abnötige. Damit sei es ihr eindrücklich gelungen, Spekulationen über Susannas Lebenswandel und das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter auszuräumen.

Mit dem Urteilsspruch folgten die Richter dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Die Vertreter der Anklage hatten dem irakischen Flüchtling vorgeworfen, Susanna erwürgt zu haben, um die Vergewaltigung zu verdecken. Seine Taten seien von außergewöhnlicher Intensität geprägt gewesen, so der Richter. Die Verteidigung hatte keinen konkreten Strafantrag gestellt. Sie hat eine Woche Zeit, um gegen das Urteil vorzugehen.

Ali B. bestreitet die Vergewaltigung

Die Leiche des Mädchens aus Mainz war am 6. Juni 2018 in einem Erdloch in der Nähe von Bahngleisen in Wiesbaden gefunden worden. Rund zwei Wochen nach dem Verschwinden von Susanna waren die Einsatzkräfte nach einem Zeugenhinweis auf das Versteck mit dem toten Mädchen gestoßen.

Kurz nach dem Tod von Susanna hatte sich Ali B. mit seiner Familie in seine Heimat abgesetzt. Im kurdisch kontrollierten Nordirak wurde er jedoch wenige Tage danach gefasst und von der Bundespolizei nach Deutschland zurückgebracht. Der Fall hatte eine bundesweite Debatte ausgelöst.

Ali B. hatte zum Prozessauftakt gestanden, das 14-jährige Mädchen umgebracht zu haben. Die Vergewaltigung bestritt er. Bei Susannas Mutter entschuldigte sich der Angeklagte in seinem letzten Wort vor Gericht.