Mit Methadon gegen Krebs

Thomas Burmeister

Von Thomas Burmeister (dpa)

Di, 29. Oktober 2019

Panorama

Eine Studie soll zeigen, ob der Heroinersatz bei Darmkrebs hilft / Petition fordert mehr Forschung.

ULM. Als Schmerzmittel und Heroinersatz ist Methadon weltweit etabliert. Aber kann die dem Opium ähnliche, künstliche Substanz mehr? Könnte sie Krebskranken neue Hoffnung bieten? Oder sind Hinweise auf Besserungen bei Tumoren nur Ausnahmen, die nichts mit dem Wirkstoff zu tun haben? Zum ersten Mal soll nun eine klinische Studie Antworten dazu liefern.

Nach teils kontroversen Debatten unter Wissenschaftlern hat sich die Deutsche Krebshilfe entschlossen, eine umfangreiche Studie an der Universitätsklinik Ulm mit 1,6 Millionen Euro zu fördern. Beteiligt werden Patienten mit Dickdarmkrebs, der bereits Metastasen gebildet hat, und bei denen die Chemotherapie nicht mehr anschlägt.

"Die Krebszellen dieser Patienten sind unempfindlich gegen diese Medikamente geworden", erläutert Studienleiter Thomas Seufferlein, Ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin der Ulmer Uni. "Unsere Hypothese ist, dass Methadon den Tumor wieder empfindlich für Chemotherapeutika machen kann."

Die Annahme stützt sich auf Forschungen der Chemikerin Claudia Friesen vom Institut für Rechtsmedizin der Universität Ulm. 2008 kam sie zu dem Schluss, dass Blutkrebszellen vermehrt absterben und ihre Widerstandskraft gegen die Chemotherapie abnimmt, wenn sie mit Methadon behandelt werden. Forschungen mit anderen Tumoren schienen dies zu bestätigen.

"Wir wollen untersuchen", so Seufferlein, "ob Methadon bewirken kann, dass auch bei Patienten mit fortgeschrittenem Darmkrebs bestimmte Chemotherapeutika besser in die Krebszellen eindringen und dadurch effektiver wirken können". Die Betonung liegt für den Mediziner auf "ob": "Ich sehe die Studie wirklich komplett ergebnisoffen." Zudem würden Resultate allein für die Situation eines fortgeschrittenen Dickdarmkrebses sowie für das konkrete Chemotherapeutikum und die Dosierung von Methadon gelten. "Man kann die Ergebnisse weder in die eine noch in die andere Richtung generalisieren."

Die Studie soll 2020 starten. Seufferlein rechnet mit jeweils etwa 30 Patienten, die neben der Chemotherapie auch Methadon erhalten. Erste Resultate könnten frühestens 2022 vorliegen.

Zu einem Ansturm auf Methadon und einer Welle der Hoffnung war es 2017 gekommen, nachdem Claudia Friesen im Fernsehen von ihren Ergebnissen gesprochen hatte. Auch berichteten Medien von Fällen, in denen es Krebspatienten nach Methadon-Einnahme besser gegangen sein soll. Klar war damals schon, dass Einzelfälle nicht als Beweis für die Wirksamkeit eines Mittels gelten können.

Entsprechend deutlich war die Kritik einiger Kollegen. Vor einem unseriösen "Methadon-Hype" warnte etwa Wolfgang Wick, Direktor der Neurologischen Uniklinik Heidelberg und Leiter einer Forschungsabteilung am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ). Wenn Vermutungen ohne gesicherte Datenlage öffentlich diskutiert würden, könnten Patienten das Gefühl bekommen, von Möglichkeiten abgeschnitten zu werden, mahnte er.

Die Studie in Ulm begrüßt Wick: "Die Idee, dass man da mit einer zusätzlichen Behandlung eine gewisse Chemosensibilisierung erreicht, finde ich beim Darmkrebs plausibler als bei Hirntumoren." Wünschenswert sei es, dass auch entsprechende Forschungen zu anderen Krebsarten stärker gefördert würden.

So oder so hoffen immer mehr Menschen auf Methadon: 53 000 unterzeichneten eine Petition mit der Forderung nach weiterführenden Studien zur Wirksamkeit der Substanz. Im Petitionsausschuss des Bundestages erklärten Vertreter des Forschungsministeriums, die Bundesregierung stehe "der Förderung klinischer Studien zum Einsatz von Methadon in der Krebstherapie offen gegenüber". Noch gibt es keinen Beschluss zur staatlichen Finanzierung. Aber die Entscheidung der Stiftung Deutschen Krebshilfe, die Studie in Ulm zu fördern, ist ein Anfang.