Verständigung

Türken kämpfen um die Vogelsprache

Mirjam Schmitt

Von Mirjam Schmitt (dpa)

Di, 17. September 2019 um 20:30 Uhr

Panorama

Am Schwarzen Meer beherrschen und verständigen sich Einheimische über eine seltene Pfeifsprache. Diese droht mittlerweile auszusterben.

Ein melodisches Pfeifen durchschneidet die Stille. Yilmaz Civelek (47) legt die Finger an den Mund und zwitschert hinunter ins grüne, hügelige Nichts. "Wink mal rüber", sollte das heißen, sagt Civelek. Eine Gestalt löst sich aus dem Hang, schickt einen kurzen Pfeifton zum Gruß zurück und hebt die Hand. Sie wirkt klein wie eine Legofigur. Civelek freut sich angesichts der Bestätigung, seine Augen glänzen. Er gehört zu den Wenigen, die noch die türkische Pfeifsprache (islik dili) beherrschen.

Weil sie dem Zwitschern eines Vogels ähnelt, nennen die Einheimischen sie einfach nur Vogelsprache. Nur noch geschätzt 10 000 Menschen beherrschen sie in der bergigen Schwarzmeerregion der Türkei. Vor zwei Jahren nahm die Unesco die türkische Pfeifsprache in die Liste des zu schützenden Immateriellen Kulturerbes auf – sie ist vom Aussterben bedroht.



Wie alt die Vogelsprache ist, kann keiner sagen. Vor allem Hirten benutzen das Gezwitscher, um sich über große Entfernungen hinweg zu verständigen. Die Weiden und die Hochplateaus liegen teils in 1800 Metern Höhe. Die Häuser sind durch tiefe Täler voneinander getrennt. Mit Worten könnte man sich über diese Distanzen nicht verständigen. Die Pfeifsprache überbrückt mehrere Kilometer.

Inzwischen gibt es nur noch wenige Hirten. "Und da ist die Technologie, die Mobiltelefone", seufzt Civelek. Die haben auch in den Bergen Empfang. Civelek stammt aus Kusköy – dem Vogeldorf in der Provinz Giresun. Hier leben die Menschen vor allem vom Anbau von Haselnüssen, die Plantagen säumen die Serpentinen hoch ins Dorf. Civelek ist ein lebenslustiger Mann mit dunklem Schnurrbart und breitem Lachen. Wie die meisten seiner Generation ist er mit der Vogelsprache aufgewachsen. Heute wohnt er in der Stadt Giresun und arbeitet als Hausmeister. Civelek will verhindern, dass die Vogelsprache ausstirbt. Er engagiert sich im Vogelsprachenverein von Kusköy und will sein Können bald in Kursen unterrichten. Im Sommer verbringt Civelek so viel Zeit wie möglich auf dem Hochplateau. Auf dem Plateau hat er mit seiner Frau ein kleines Haus aus roten Ziegelsteinen und Wellblechdach gebaut. Seine Schwester Muazzez Köcek wohnt nebenan: ein kleiner Garten, ein paar Kühe, eine Handvoll Nachbarn. Sonst sind die Häuser umsäumt von grünen Weiden und dunklen Wäldern.

Civeleks Schwester Köcek gilt als eine der besten Pfeiferinnen im Dorf. Beim Wettbewerb, der jährlich zum Vogelsprachenfestival in Kusköy abgehalten wird, hat sie schon dreimal den ersten Platz der Frauen belegt. Fünfmal gewann sie den dritten Platz in der gemischten Kategorie. Köcek kann nur mit der Zunge pfeifen – anders als Civelek, der wie in der türkischen Vogelsprache üblich mit den Fingern pfeift.

Je nach Entfernung steckt er dazu nur den Zeigefinger oder mehrere Finger in den Mund. Um sich über eine Entfernung von geschätzt fünf Kilometern zu verständigen, nimmt er die zweite Hand zur Hilfe und bildet damit einen Hohlraum. Civeleks Sohn Olcan (19) kann dem Ganzen nichts abgewinnen. Er beherrscht die Vogelsprache nicht und will sie auch nicht lernen. "Wozu?", fragt er. "Ich brauche sie ja nicht." Er sei ja Student und wohne in der Stadt.

Pfeifsprachen gibt es nicht nur in der Türkei, sondern auch in anderen abgelegenen Gegenden der Welt. Die bekannteste ist wohl die "El Silbo" genannte Sprache auf der Kanareninsel La Gomera. Die türkische Pfeifsprache vertont quasi das Türkische. Allgemein wird angenommen, dass die linke Hirnhälfte für die Sprache zuständig ist und die Rechte für Melodie und Rhythmus.

Sonst ist die türkische Pfeifsprache kaum erforscht. Musa Genc, Dekan der Tourismus Fakultät von Giresun, hat sich in den Kopf gesetzt, die Vogelsprache zu schützen, und weiter zu erforschen. Einen Pfeifsprachenkurs will er in spätestens drei Jahren anbieten.

Das Vogelsprachenfestival in Kusköy ist für die beiden der beste Ort, um für die Sprache zu werben. Von den umliegenden Dörfern strömen Menschen ins Dorf. Autos parken an der engen Straße. Der Hof der Dorfschule ist mit türkischen Flaggen geschmückt. Ein Musiker spielt die Schwarzmeerfidel, sofort springen die Menschen auf und reihen sich auf zum traditionellen Gruppentanz "Horon". Junge Männer stehen in Gruppen zusammen und beobachten aus den Augenwinkeln die gleichaltrigen Mädchen. Wären da nicht der Pfeifwettbewerb und die eindringlichen Reden der Veranstalter, könnte man fast vergessen, dass es um die Vogelsprache geht. Nur hin und wieder durchschneidet ein Pfiff die Musik. Eine Großmutter ruft nach ihren Enkeln. Die drehen sich angesichts der Wucht des Tons augenblicklich um.

Musa Genc tritt ans Rednerpult, stützt sich mit einer Hand auf und ruft: "Wir haben vor, die türkische Pfeifsprache im Such- und Rettungsdienst einzusetzen." Später im Interview sagt er: "Ich glaube, dass wir der Vogelsprache außerhalb der Tradition eine Aufgabe geben müssen, so dass die Leute sagen, ich muss die Vogelsprache können." Sonst verkomme sie erst zur "Showsprache" und sterbe dann irgendwann aus. Der Einsatz im Rettungsdienst sei vor allem deshalb sinnvoll, weil die Sprache über weite Entfernungen hinweg deutlich zu hören sei. In den Bergen Vermisste, bei Erdbeben Verschüttete, Menschen, die sich in Höhlen verlaufen - Genc fallen zahlreiche Situationen ein, in dem die Vogelsprache "lebensrettend" sein könnte.

Auch früher kam die Vogelsprache in Notfällen zum Einsatz, sagt Civelek. Er erinnert sich noch daran, wie er als Kind Schafe und Ziegen hütete und Wölfe die Herde anfielen. Mit der Pfeifsprache habe er die Hunde angeleitet, um die Wölfe zu vertreiben und die anderen Hirten gewarnt. Wölfe hat Civelek schon lange nicht mehr gesehen. Aber er findet eine Ziege, die sich auf der Hochebene verirrt hat. Er legt die Finger an die Lippen und pfeift in die Ferne. "Deine Ziege ist hier", soll das heißen. "Danke", zwitschert es aus dem Nichts.