Adel

Vor 100 Jahren verlor der Adel seine Privilegien

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Von dpa

Di, 13. August 2019 um 20:30 Uhr

Panorama

Früher waren sie Grundherren und genossen zahlreiche Sonderrechte. Doch vor 100 Jahren war damit Schluss, fortan galten auch die Adeligen als normale Bürger.

BERLIN (dpa). Bis 1919 war der Adel ein eigener Stand in Deutschland mit Titeln und Privilegien. In manchen Berufen gab es fast nur Adlige. Ehen mit bürgerlichen Menschen waren weniger beliebt. Doch vor genau 100 Jahren verlor der Adel seine Sonderstellung und alles, was ihn ausmachte.

Die Titel und Namen klingen einfach gut. Prinz William, Prinzessin Victoria, Fürstin Gloria oder Prinz Ernst August. In der Reihe gibt es aber zwei Fehler. Während William und Victoria in ihren Ländern Großbritannien und Schweden tatsächlich Prinz und Prinzessin sind und dem Hochadel angehören, gilt das für Gloria von Thurn und Taxis und Ernst August von Hannover keineswegs. Weder sind sie eine echte Fürstin beziehungsweise ein echter Prinz. Noch sind sie im strengen Sinn überhaupt Adlige.

Vor 100 Jahren, mit Inkrafttreten der Weimarer Reichsverfassung am 14. August 1919, wurden die Vorrechte und Titel des Adels abgeschafft. Juristisch gibt es seitdem keinen deutschen Adelsstand mehr – weder Prinzen noch Grafen oder Freiherren. Die früheren Adligen und ihre Nachkommen sind bürgerliche Menschen wie alle anderen auch. Ein Privileg ließ man ihnen allerdings : die Mitglieder der Adelsfamilien durften den alten Titel als Bestandteil des bürgerlichen Namens und auch das "von" behalten.

Der Unterschied zu früher ist aber bedeutend. Ein Adliger trägt einen Titel, auf den der Vorname folgt: Prinz Charles oder Prinz Harry. Bei den deutschen Nachkommen des Adels gehört das Wort "Prinz" nur zum Nachnamen dazu. Vorname: Ernst August, Nachname: Prinz von Hannover. Charles ist ein Prinz. Ernst August heißt nur so.

Trotz der Abschaffung der Titel und Privilegien sorgen Hochzeiten von Nachkommen adliger Familien weiter für Schlagzeilen. Auch manche der geschätzt 80 000 Mitglieder der alten Adelsfamilien stufen sich als hervorgehoben ein. Die Vereinigung der Deutschen Adelsverbände (VdDA), ein Interessensverband, hält daran fest, dass Menschen unterschieden werden in Gruppen mit und ohne das "von" im Namen. Orientiert wird sich am "historischen Adelsrecht" – obwohl das nicht mehr existiert.

"Das Adelsrecht von 1918 wird als verbindlich für die Zugehörigkeit zum Adel angesehen", sagt Henning von Kopp-Colomb (81), Präsident des Deutschen Adelsrechtsausschusses, der beim Dachverband VdDA zuständig ist für Namens-Streitfälle. Er meint: "In der Weimarer Verfassung ist ja nicht der Adel abgeschafft worden, sondern nur ihre öffentlich-rechtlichen Vorrechte." Tatsächlich war 1919 bei der Ausarbeitung der Verfassung auch die Formulierung "Der Adel ist abgeschafft" im Gespräch. Sie fand aber keine Mehrheit. Anders in Österreich, dort übernahm man den Satz.

Überhaupt habe sich in Deutschland für den niederen Adel 1919 nicht viel geändert, sagt von Kopp-Colomb. Vor allem königliche und andere hochgestellte Fürstenhäuser hätten Besitz und Privilegien verloren. Das zeigen aktuell die Verhandlungen, die das einstige Preußenhaus der Hohenzollern um den Ururenkel des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II. mit Bund und Ländern über die Rückgabe von Gemälden, historischen Zeugnissen und wertvollen Dokumenten führt.

Von Kopp-Colomb betont: "Heutzutage kann Adel eher Pflichten bedeuten als Rechte." Das sehen Kritiker völlig anders. Zuletzt forderten die Berliner Jungsozialisten, die Jugendorganisation der SPD, in einem Antrag die Streichung der adligen Namenszusätze. Erfolgreich waren sie damit nicht. Annika Klose, Berliner Juso-Vorsitzende, hält das Thema weiterhin für aktuell. "De jure gibt es den Adel seit 100 Jahren nicht mehr. Aber die alten Namen sorgen immer noch für Privilegien, bei Bewerbungen und Posten im diplomatischen Dienst oder Unternehmensberatungen", sagt sie. "Es ist Zeit, sich auch von diesen Namen zu verabschieden."

Von Kopp-Colomb räumt ein, dass die adligen Namen begehrt seien. Der Trend: Heiratet eine Frau mit einem adligen Namen einen Mann mit bürgerlicher Herkunft, entscheidet sich das Paar meist für den adligen Namen als Familiennamen.