Camps und Mahnwachen

aja, kgn

Von aja, kgn (jaks)

So, 07. Juli 2019

Südwest

Der Sonntag Schläft die Fridays-for-Future-Bewegung über die Sommerferien ein – oder präsentiert sie sich im Herbst mit neuem Elan?.

Am Anfang waren es ein paar Hundert, mittlerweile gehen bundesweit Hunderttausende auf die Straße, um gegen den Klimawandel zu demonstrieren. Doch: Wird die Bewegung "Fridays for Future" die Sommerferien überstehen? Untätig wollen die Aktivisten in der schulfreien Zeit jedenfalls nicht sein. In Basel gibt es ein Klimacamp, in Freiburg weiterhin wöchentliche Mahnwachen.


Blickt man in den Terminkalender von Walli Lang, ist von einem Sommerloch derzeit wenig zu erkennen. Für die 21-jährige Freiburger Soziologiestudentin gibt es kaum eine freie Minute. Das Programm der letzten Tage ist beachtlich. Das allwöchentliche Treffen der Organisationsgruppe am Mittwoch; am Donnerstag stand dann die Formulierung des Forderungspapiers an die Uni Freiburg auf dem Plan, am Freitag die erste Mahnwache zur wöchentlichen Sensibilisierung für den Klimaschutz und eine Redenschulung mit jüngeren Mitgliedern, am Samstag schließlich die Teilnahme mit Fridays for Future bei einem Straßenfest. Und das sind nur die Highlights.

Im Breisgau ist die Bewegung richtig eingeschlagen. Zum ersten Freitag für die Zukunft kamen im Januar 1500 Teilnehmer, im März waren es bereits gut 3000 mehr, im Mai knackten sie fast die Schallmauer der 10 000 Menschen. Vor einem etwaigen Sommerloch fürchten sich die Organisatoren daher kaum. Große Hoffnungen legen sie auf den international angelegten Streik am 20. September. "Da sind wir intensiv in den Planungen." Denn im September sollen nicht nur Schüler, Azubis und Studierende, sondern alle Interessierten zum Streik aufgerufen werden. Mit mehreren Gewerkschaften und Interessenvertretern stehen sie in Verbindung.

Dass Fridays for Future längst nicht mehr nur Schüler und Studenten mobilisiert, sondern auch von der Elterngeneration mitgetragen wird, wertet indes auch die Freiburger Historikerin Birgit Metzger als Indiz dafür, dass der Protest gegen die Klimapolitik die Sommerferien überdauern wird. "Die Bewegung hat eine Welle des allgemeinen Interesses ausgelöst und mitunter den Wahlsieg der Grünen bereitet", sagt Metzger, die durchaus Parallelen zur Umweltbewegung der 70er und der Anti-Atomkraft-Bewegung der 80er Jahre erkennt.

Die Größe des Ziels ist entscheidend

Auch diese umweltpolitischen Proteste hätten seinerzeit eine breite gesellschaftliche Debatte ausgelöst – über Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte hinweg. Ein wichtiger Erfolgsindikator der aktuellen Bewegung sei auch die Größe des Ziels. "Da geht es um sehr Grundlegendes."

Zu der in einigen Medien – darunter Spiegel und Süddeutsche – geäußerten Prognose, die Bewegung werde über die Ferien einschlafen, sagt denn auch der 19-jährige Fritz Kaspar, der den Protest in Lörrach mitorganisiert: "Wir haben das kurz angesprochen, aber sehen die Gefahr nicht." Die Ziele, beispielsweise der Kohleausstieg bis spätestens 2030, seien ja auch noch nicht erreicht.

Auch in Lörrach wird die Bewegung von Mal zu Mal bunter. Die Lörracher "Parents for Future" hat Aurelia Delin ins Leben gerufen. Ihre Tochter hatte an einer Klimademo in Basel teilgenommen. Dort hatten die Jugendlichen gefordert, ihre Eltern mögen sich anschließen. Beim ersten Klimastreik in Lörrach war Delin dann dabei, "wir waren vielleicht zehn Eltern", erinnert sie sich. Mittlerweile sind die Erwachsenen über soziale Netzwerke verbunden und ein fester Bestandteil der Bewegung. Wenn am 20. September der nächste große Termin ansteht, hofft Delin auf viele Erwachsene, die ihre Arbeit niederlegen und mit den Schulkindern für Klimagerechtigkeit auf die Straße gehen. Als Sommerloch empfindet sie die Zeit bis dahin keinesfalls, es gebe viel zu organisieren.

"Im Oktober sind Parlamentswahlen und es wird kein Problem sein, im Vorfeld Leute zu mobilisieren", sagt die 17-jährige Schülerin Pauline Lutz aus dem Baseler Organisationsteam. Aktuell findet zudem ein Klimacamp auf der Voltamatte am Novartis-Campus statt und die Vorbereitungen für den globalen Streik am 20. September laufen auch schon. Dieser soll diesmal trinational geplant werden. Und in der Woche drauf, am 28. September, wollen Aktivisten aus der ganzen Schweiz nach Bern reisen, um dort Klimagerechtigkeit zu fordern. So könnte man meinen, über die Sommerferien schlafe der Kampfgeist ein, doch tatsächlich nutzen die Aktivisten die Zeit für Vernetzung und Vorbereitungen, um im Herbst eine starke Präsenz zeigen zu können.

Historikerin Birgit Metzger sieht Camps und Workshops als "Chance, sich dem Protest in den Ferien noch intensiver widmen zu können". Dies habe bereits die Anti-Atom-Bewegung gezeigt. Die Vernetzung, mit anderen Gruppen verleihe der Bewegung zudem weiter Aufwind. In Freiburg etwa nutzt die Gruppe Fossil Free Freiburg den Klimaprotest, um Stadt, Uni und Kirche dazu aufzufordern, ihr Geld aus Fonds zurückzuziehen, die Kohle, Öl und Gas finanzieren.

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Klimacamp Basel, noch bis Donnerstag, 11. Juli, mit Workshops, Diskussionen, Filmvorführungen und Konzerten auf der Voltamatte. Zuvor: "Aktion zivilen Ungehorsams an Hotspots des Schweizer Finanzplatzes" am 8. und 9. Juli. Weitere Infos unter: http://www.climatejustice.ch
Talks for Future, 19. Juli, an der Uni Freiburg. Um 18.15 Uhr spricht die Historikerin Birgit Metzger über Fridays for Future aus umwelthistorischer Perspektive, HS 1010.