Neu-Inszenierung eines Klassikers

Das Neue Theater Dornach zeigt Becketts Godot in großartiger Besetzung

Annette Mahro

Von Annette Mahro

Mo, 21. Oktober 2019 um 14:06 Uhr

Basel

Der Sonntag "Warten auf Godot" in Dornach ist ein fulminantes Wiedersehen mit alten Bekannten der Basler Theaterszene. Zweieinhalb Stunden absurdes Theater wollen aber auch ausgesessen sein.

"Komm, wir gehen – Wir können nicht – Warum?" Die Dinge liegen klar zwischen Wladimir und Estragon, sie warten auf Godot. 70 Jahre dauert dieses Warten schon an, seit der Fertigstellung von Samuel Becketts Urbild des "Theaters des Absurden" im Jahr 1949. Wer dieser Godot ist, wissen die beiden Clochards nicht und ebenso wenig, weshalb sie auf ihn warten. Oder wenigstens nicht so genau. Möglich wäre es immerhin, dass sich mit seinem Erscheinen irgendetwas an ihrer Situation ändert. Nur was? Das Neue Theater Dornach verneigt sich mit einer schillernden Neu-Inszenierung vor dem Klassiker.

Das "Who is Who" der Basler Schauspielszene

Die Besetzung gleicht einem "Who is Who" der Basler Schauspielszene. Fast alle waren Ensemblemitglieder am Theater Basel oder sind es noch und viele ihrer Figuren haben sich entsprechend tief eingegraben ins theatrale Gedächtnis der Region. Vincent Leittersdorf, den man in zwei Jahrzehnten am großen Haus und nicht nur hier erlebt hat, lässt seinen Wladimir die Dornacher Bühne mit jeder Faser seiner Existenz erfüllen und jede Gemütsregung, jeden Schmerz bis zur für alle physischen Spürbarkeit durchleben. Gleichzeitig ist er der trotz allem Zuversichtliche, derjenige, der weiter hofft und den ihm bestenfalls schemenhaft bekannten Godot zur Traumfigur erhebt. Begeistert feiert er auch drei grüne Blätter an einem bisher kahlen Baum, selbst wenn er sie eben erst selbst angeklebt hat.

In der Inszenierung von Georg Darvas, Gründungsdirektor des Dornacher Neuen Theaters, ist HansJürg Müller neben Leittersdorf die Idealbesetzung des Estragon. Müller, der zuletzt am Theater St. Gallen engagiert war, aber auch am Basler Jungen Theater unter anderem mit Regisseur Sebastian Nübling, am Vorstadttheater oder beim freien Ensemble CapriConnection gearbeitet hat, schlüpft hier in die Rolle des ewigen Verlierers. Schon an der Aufgabe, seinen Schuh auszuziehen, scheitert er mit allem vorstellbaren Nachdruck. Allerdings ist es auch dieses besondere und gleichsam immerzu in sich gekrümmte Wesen, an dem sein Gegenüber wachsen kann. Ohne einander wären die beiden verloren, miteinander sind sie es allerdings auch.

Bomberjacken statt Lumpen

Kostümbildnerin Sophie Kellner, die zuletzt in Basel Dürrenmatts "Durcheinandertal" und in Dornach Mozarts "Cosi fan Tutte" ausgestattet hat, packt Wladimir und Estragon anstatt in Lumpen in Bomberjacken und Mehrzweckfunktionshosen, in deren zahllosen Taschen sich alles verpacken aber nichts mehr wiederfinden lässt. Während Estragon ohne Strümpfe und Schnürsenkel unterwegs ist, trägt Wladimir seinen Optimismus mit knallroten Lackschuhen zu Markte.

Valentin Köhlers helle Bühne deutet die Landstraße an und den kümmerlichen Baum, an dem das Treffen mit Godot verabredet war. Oder war es nicht hier? Hecke und Tor markieren den sich anschließenden Park, in dem selbst das Warten angenehmer sein könnte.

Lucky, der erbarmungswürdige Knecht

Mit roher Gewalt bricht in diese Szenerie Andrea Bettini als der reiche Mann Pozzo mit breiten Schultern, vorgeschobenem Bauch herein. Florian Müller-Morungen ist sein mehr als erbarmungswürdiger Knecht, der absurderweise Lucky heißt. Verglichen mit dessen Existenz scheint das Leben der beiden Clochards schon paradiesisch. Dass sie in einem kurzen Moment mit dem Gedanken kokettieren, ihm ebenso Gewalt anzutun wie sein Herr, der die völlig verlorene Gestalt an einer Hundeleine hin und her zerrt und mit der Peitsche traktiert, verweist vorsichtig in eine um nichts besser gewordene Gegenwart, in der schon wieder hilflose Menschen von ihresgleichen aus bloßer Gewaltlust gequält oder sogar angezündet werden.

Von der Existenz in einer sinnfreien Welt

Becketts Stück, dessen erste Aufführung 1953 in Paris den Weltruhm seines Autors einleitete, nimmt indes, auch wenn sie eine zentrale Rolle spielt, nicht die Brutalität in den Fokus. Stattdessen geht es um eine sinnfreie Welt und die Existenz darin. Wladimir und Estragon wollen sich nicht an ihre eigene Vergangenheit erinnern, sondern nur an den gestrigen Tag. Aber selbst das gelingt nicht. Wenn sie darüber räsonieren, sich am einzigen Baum auf der Bühne aufzuhängen, scheint ihnen jedes Grauen vor dem Tod zu fehlen. Allein, der Suizid erweist sich aus praktischen Gründen als undurchführbar. Der Sinn des Lebens ist das Verrinnen der Zeit, sein Fluch das Verharren. Akt eins und zwei enden gleich: Sie rühren sich nicht von der Stelle.
WARTEN AUF GODOT

Neues Theater, Bahnhofstraße 32, Dornach, bis 10. November. Nächste Aufführungen: Heute, Sonntag 20. Oktober sowie 24./25./27. Oktober und 6./7./9./10. November, sonntags 18 Uhr, sonst 19.30 Uhr. www.neuestheater.ch