Kulturtage Laufenburg

Die sizilianische Liedermacherin Etta Scollo trifft direkt ins Herz

Roswitha Frey

Von Roswitha Frey

Di, 13. August 2019 um 12:54 Uhr

Laufenburg

Was für eine Stimme! Die Kulturtage Laufenburg haben mit dem Auftritt von Etta Scollo einen Höhepunkt erlebt. Die sizilianische Liedermacherin hat das Publikum tief berührt.

Was für eine Stimme! Sie kann zerbrechlich, zart und hell klingen, aber auch beschwörend, rau, klagend und dunkel. Mit ihrem eindringlichen Gesang hat die sizilianische Liedermacherin Etta Scollo in der Stadthalle in Laufenburg/Schweiz das Publikum zutiefst bewegt und aufgewühlt. Die Künstlerin aus Catania, die seit vielen Jahren in Berlin lebt, erwies sich als Geschichtenerzählerin von lyrischer Kraft und emotionaler Wärme. Ihre berührende Botschaft von Menschlichkeit traf die 150 Zuhörer direkt ins Herz.

Die zierliche Sängerin, die sich an der Gitarre begleitete, hat für ihr erstmaliges Gastspiel bei den Kulturtagen "Fließende Grenzen" ein exzellentes Ensemble um sich geschart: Der Akkordeonist Daniel Moheit, die Cellistin Zoe Cartier und der Multiinstrumentalist Hinrich Dageför an verschiedenartigen Gitarren, Mandoline, Rahmentrommeln und Autoharp untermalen Scollos ausdrucksintensiven Gesang mit rhythmisch prägnantem, einfühlsamem und nuanciertem Spiel. Da flossen Elemente von sizilianischem Folk, Jazz, Chanson, arabischen und orientalischen Klängen und Weltmusik in diese Lieder ein.

Etta Scollo erzählt in ihrem aktuellen Programm "Il passo interiore" auch tragische Geschichten aus dem wahren Leben. Geschichten, die auch einen Funken Hoffnung aufschimmern lassen. So wie in "N’amore bello", das von einer großen Liebe über den Tod hinaus handelt. Es erinnert an Bergbauarbeiter aus den Abruzzen, die 1956 einem verheerenden Grubenunglück in Belgien ums Leben gekommen sind. Scollo singt mit schmerzerfüllter Stimme von einer schwangeren Frau, deren Mann bei dieser Katastrophe starb. In "Tra la morte e la vita" wird das Schicksalhafte zwischen Trauer, Verlust und Tod und der Geburt eines neuen Lebens gefühlvoll beschrieben. Die Liebe, sagt die Sängerin, hat so viele Facetten. Und diese bringt sie in ausgewählter Lyrik, in authentischen Texten von Zeitzeugen, in Geschichten von starken Frauen aus ihrer Heimat zum Ausdruck.

Den zweiten Programmteil eröffnet Scollo mit dem Titellied "Il passo interiore", das in dichten, tiefgründigen Bildern von einer inneren Reise erzählt. Schon hypnotische Suggestionskraft beschwört die Sängerin in einem dunklen arabischen Liebesgedicht zu sinnlich betörenden, orientalisch anmutenden Klängen.

Von der heiligen Rosalia

zur Klage über Lampedusa

"Rosalia" handelt derweil von einer in Palermo verehrten Heiligen, die als Eremitin in einer Grotte gelebt hat. Gedichte und Texte verschiedener Lyriker und Autoren aus früheren Jahrhunderten und der Gegenwart erhalten in Etta Scollos Liedern eine dunkle Leuchtkraft, Emotionalität und Wärme, die schon etwas Mystisches hat.

Schon seit den 1980er Jahren beschäftigt sich die sozialkritisch und politisch engagierte Künstlerin mit dem Schicksal von Flüchtlingen. Nach wie vor wühlt sie die Tragödie der Menschen auf der Flucht enorm auf, gerade in dieser Zeit, in der "ganz Europa in Bewegung" und "die Realität viel schlimmer und zynischer geworden ist". Umso mehr ging es unter die Haut, wie Scollo in der Suite "Lampedusa" an die Menschen erinnert, die auf der Flucht über das Mittelmeer ums Leben gekommen sind. In diesem Klagelied hat sie erschütternde und mahnende Worte vertont, die aus einem offenen Brief der Bürgermeisterin von Lampedusa aus dem Jahr 2012 stammen. Ergreifend klingt dieses in schmerzliche, elegische Töne gesetzte Lied über die Tragödie der Flüchtlinge: ein aufwühlender Appell an Mitmenschlichkeit. "Wir sollten nicht vergessen, dass wir Menschen sind und nicht Bestien", sagt Etta Scollo.

Dass es in dem Dunkel auch Hoffnung auf Licht gibt, drückt Etta Scollo am Schluss in "La Voz" (die Stimme) aus: Eine Stimme, die kantig klingt, hart, herb, staubig, kommt aus der Tiefe irgendwann ans Licht. In der ersten Zugabe wurde die mit großem, herzlichem Beifall gefeierte Sängerin melancholisch in der Canzone "Resta cu’ mme", um sich dann mit einer rasanten sizilianischen Tarantella voller Temperament zu verabschieden: eine außergewöhnliche Frau, eine faszinierende Stimme, ein großer Abend.